Freitag, 30 September 2022

Was geschah mit Tanja Mühlinghaus?

Die damals 15-jährige Tanja Mühlinghaus verschwand am 21. Oktober 1998. Es folgten noch zwei Briefe von ihr, in denen sie ihren Eltern mitteilte, sie sollen sich keine Sorgen machen und sie käme bald zurück. Auch mehr als 20 Jahre später ist Tanja aber noch immer nicht zurück…

 

Wer war Tanja Mühlinghaus?

 

Tanja MühlinghausTanja ist  am 11. März 1983 geboren. Sie lebte damals in Wuppertal und besuchte das Carl-Duisberg-Gymnasium in Oberbarmen. Sie galt als eine gute Schülerin und träumte von einer Karriere als Musical-Darstellerin. Zu ihrem Taschengeld verdiente sich Tanja durch Babysitten gerne etwas hinzu.

In ihrer Freizeit besuchte sie gerne Tanzkurse. Außerdem hatte Tanja seit einigen Wochen ihren ersten festen Freund.

Sie war ein Einzelkind und lebte bei ihren Eltern. Das Verhältnis zu ihren Eltern war jedoch durchwachsen. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen, da Tanja sich sehr von ihren Eltern kontrolliert fühlte. Dies ging sogar so weit, dass sie in eine betreute Wohngruppe für Jugendliche ziehen wollte. Nach ihrer Auffassung war alles andere besser als zu Hause zu sein. Das Jugendamt teilte ihr aber mit, dass sie in einer solchen Wohngruppe nicht aufgenommen werden kann.

 

Was ist passiert?

 

Es war der Morgen des 21. Oktober 1998 – ein ganz normaler Schultag für Tanja, lediglich die ersten Stunden Unterricht fielen aus. Vor der Schule, als Tanja noch zu Hause war, rief sie ihre Mutter an, die bereits im Büro war. Sie bat ihre Mutter, sie später von der Schule abzuholen. Anschließend verließ Tanja das Haus und machte sich – vermutlich – auf den Weg zum Bus.

Als die Schule am Mittag vorbei war, wartete Tanja’s Mutter vor der Schule im Auto auf sie. Vergeblich. Tanja kam nicht. Ihre Mutter ist also alleine nach Hause gefahren. Sorgen hat sie sich dabei noch nicht gemacht. 1998 war eine Zeit, in der noch nicht jeder ein Handy hatte und so hätte es einfach sein können, dass Tanja sich spontan verabredet hatte.

Tanja’s Mutter – Elisabeth – ging also ganz normal ihrem Tagesablauf nach. Gegen 16.30 Uhr ging dann aber ein Anruf von einer Schulfreundin von Tanja ein. Diese wollte sich erkundigen, wie es der kranken Tanja ging. Erst in diesem Moment erfuhr Elisabeth überhaupt davon, dass Tanja gar nicht in der Schule angekommen war. Und nun beginnt sie auch, sich doch Sorgen zu machen.

Tanja’s Eltern warteten zunächst noch, ob sie nicht doch noch nach Hause kommt. Tanja hatte weder Geld noch ihren Ausweis bei sich. Während dieser Wartezeit bekam Elisabeth ein immer schlechteres Gefühl. Sie stand dann vor einem Bild von Tanja und sagte zu diesem Bild: „Tanja, das dauert lange, bis ich dich wiedersehe, 20 bis 30 Jahre, wenn überhaupt“. Um 21.15 Uhr erstatten Tanja’s Eltern schließlich eine Vermisstenanzeige.

Wie so oft in solchen Fällen ging die Polizei zunächst von einem rebellierendem Teenager aus, der ausgerissen ist. Gerade das oft eher schwierige Verhältnis zwischen Tanja und ihren Eltern stützte diese Theorie der Polizei natürlich.

Hinzu kommt, dass schon einen Tag später, am 22. Oktober 1998, ein Brief von Tanja Mühlinghaus bei ihren Eltern eingeht. In diesem Brief steht:

Tanja Brief„Liebe Mama, lieber Papa! Macht euch keine zu großen Sorgen. Ich bin gesund und werde in 2-3 Wochen wieder zu Hause sein. Deshalb braucht ihr mich nicht zu suchen. Kümmert euch bitte um die Hasen und um das Babysitten. Behaltet bitte die Sachen, die ich bestellt habe. Lasst euch für die Zeit was für die Schule einfallen. Ich brauche ein bisschen Abstand und werde mich nächste Woche noch einmal melden. Eure Tanja!“

Ihre Eltern sind natürlich froh, etwas von Tanja gehört zu haben. Zwar wissen sie noch immer nicht, wo Tanja ist und was genau geschehen ist, aber sie wissen nun, sie lebt und es geht ihr gut.

Einige Tage später, am 26. Oktober, geht dann auch schon der nächste Brief von Tanja ein. In diesem steht:

„Liebe Mama, lieber Papa, ihr braucht euch noch immer keine Sorgen zu machen. Mir geht es gut und ich werde nun doch schon am nächsten Wochenende nach Hause kommen. Deshalb braucht ihr mich nicht zu suchen. Ich hoffe, ihr habt oder werdet die Sachen erledigen, um die ich euch im letzten Brief gebeten habe. Eure Tanja.“

Erfreut darüber, dass Tanja nun doch schon früher nach Hause kommt, warten ihre Eltern am entsprechenden Wochenende auf sie. Und warten. Und warten. Aber Tanja kommt nicht…

 

Die Ermittlungen

 

Durch die eingegangenen Briefe wurde das Ermittlungsniveau natürlich erst einmal herunter geschraubt. Und so fangen die Ermittlungen so richtig erst an, als Tanja nicht wie versprochen nach Hause gekommen ist.

Das LKA untersuchte zunächst die Handschriften der Briefe und glich sie mit Schriftproben aus Tanja’s Unterlagen ab. Diese Untersuchungen ergaben, dass die Briefe tatsächlich von Tanja selbst geschrieben wurden. Laut Tanja’s Mutter passte der Schreibstil aber nicht zu ihrer Tochter. Tanja soll demnach blumiger und mehr in verschachtelten Sätzen geschrieben haben.

Die Briefe werden außerdem nach DNA-Spuren untersucht. Dabei konnte festgestellt werden, dass die Briefe auch von Tanja berührt wurden. Dies hat man durch die DNA von Tanja’s Zahnbürste abgleichen können. Diese Untersuchung ergab aber weiterhin, dass Tanja nicht alleine war. So liegt natürlich die Vermutung nahe, dass Tanja möglicherweise zum Schreiben der Briefe von einer anderen Person gezwungen wurde.

Während Tanja’s Eltern selbst überall Suchplakate aufgehangen haben, hat die Polizei mit allen Leuten aus Tanja’s Umfeld gesprochen. Auch im Rotlichtmilieu fanden Ermittlungen statt.

Am 2. November 2011 gab es auch noch eine Ausstrahlung des Falles in der Sendung „Aktenzeichen XY“. Nach dieser Sendung gingen auch noch einige Anrufe bei der Polizei ein, bei denen aber keine konkrete Spur herauskam.

 

Die Zeugen

 

BMWInsgesamt gab es hunderte Zeugenaussagen. Es gab dennoch niemanden, der Tanja Mühlinghaus an der Bushaltestelle oder im Bus gesehen hat.

Ein Zeuge behauptete, er habe Tanja in einem silbergrauem BMW gesehen. Mit dabei wären außerdem zwei Pitbulls gewesen. Mehrere andere Zeugen wiederum behaupteten, sie hätten Tanja im Kölner Rotlichtmilieu gesehen.

Und wieder eine andere Zeugin meldete sich bei der Familie und sagte, dass sie eine ehemalige Caritas Mitarbeiterin sei. Sie habe Tanja mit einem älteren Mann bei der kostenlosen Frühstücksausgabe des Wohlfahrtverbandes gesehen.

Keine der vielen Zeugenaussagen brachte aber einen Erfolg.

 

Das Leben von Tanja’s Eltern nach ihrem Verschwinden

 

Während Tanja Mühlinghaus‘ Mutter nach Tanja’s Verschwinden psychologische Hilfe hatte, war Tanja’s Vater sehr unzufrieden mit den Ermittlungen. Seiner Meinung nach hatte die Polizei zu wenig getan, um Tanja zu finden.

Wenn man bedenkt, wie viele Tage zwischen ihrem Verschwinden und dem richtigen, intensiven Start der Ermittlungen vergangen sind, lag er mit seiner Meinung vielleicht gar nicht so falsch. Denn selbst wenn die Briefe tatsächlich der Wahrheit entsprochen hätten, Tanja war erst 15. Auch wenn man davon ausgehen würde, dass sie auch beim 2. Brief noch in Sicherheit gewesen wäre und wirklich nur eine Auszeit gewollt hätte – man wusste nicht, wo sie sich aufhält und so konnte man auch keinesfalls davon ausgehen, dass nicht doch irgendeine Gefahr um sie herum gewesen wäre.

Die ersten drei Jahre nach Tanja’s Verschwinden blieb ihr Zimmer genau so wie es war. Ihre Eltern veränderten daran nichts. Dann aber trennten sich die beiden. So teilten sie dann auch Tanja’s Sachen untereinander auf. Elisabeth richtete sich dann eine Tanja-Ecke in ihrem Wohnzimmer ein. Dort standen einige ihrer alten Möbel und einiges von ihrer Deko.

Tanja’s Mutter glaubt noch immer daran, dass Tanja lebt. Sie hat aber gelernt, mit ihrem Verschwinden zu leben. Es gab auch eine Website zu Tanja, auf der Elisabeth das Wort an sie richtete und schrieb:

„Das ist mein einziger und sehnlichster Wunsch: Von dir alles zu hören, was du durchgemacht hast, was dich bewogen hat, wegzugehen, was du mir vorwirfst und ob du mir verzeihen kannst. (…) Ich bin nicht mehr mit Papa verheiratet. (…) Wenn du den Weg nur zu mir finden möchtest, dem steht nichts im Wege. Eines möchte ich dir noch sagen: Du brauchst dich für nichts zu schämen und vor nichts mehr Angst haben. Wenn einer sich schämen muss, dann bin ich es. Weil ich nicht merkte, wie es dir ging.“

Mittlerweile ist Tanja’s Vater verstorben.

 

Die Wendung durch Patrick O.

 

Im Jahr 2014 meldet sich plötzlich ein Mann namens Patrick bei der Familie. Er behauptet, Tanja zu kennen und sie 1999 in einer Frankfurter Drückerkolonne kennengelernt zu haben.

Eine Drückerkolonne ist eine Gruppe von Menschen, die oft auf kriminelle und fragwürdige Art und Weise versuchen, Verbrauchern Verträge oder Dienstleistungen an der Haustür zu verkaufen. Die Mitarbeiter einer solchen Kolonne werden Schulungen unterzogen, die man auch schon als Gehirnwäschen bezeichnen könnte. Außerdem wird dabei viel mit Drohungen, Erniedrigungen und Gewalttaten „gearbeitet“, wenn jemand sein tägliches Ziel nicht erreicht.

Aber zurück zu Patrick. Er macht eine insgesamt 74-seitige Aussage, die auch Dinge enthielt, die nicht in den Medien waren. Dies waren Dinge, die er nicht hätte wissen können, wenn er Tanja nicht wirklich gekannt hätte. So ging er beispielsweise u. a. darauf ein, dass Tanja’s Eltern zwar nach außen hin eine heile Familie vorlebten, die sie aber tatsächlich schon lange nicht mehr waren.

Durch diese Aussage und solche Details keimte selbstverständlich wieder Hoffnung bei Tanja’s Familie auf. Vielleicht war es ja tatsächlich möglich, nach nun schon 16 Jahren endlich wieder Kontakt zu Tanja Mühlinghaus zu bekommen…

Tanja Mühlinghaus WaldPatrick erzählte Tanja’s Familie weiterhin, dass Tanja in einer Drückerkolonne arbeitete und zeitweise auch hätte anschaffen gehen müssen. Kürzlich wären sie beide in einen Wald gezwungen worden, wo Tanja vom Chef der Drückerkolonne angeschossen worden sei. Er führte die Polizei später auch in ein Waldstück bei Königswinter, in dem diese Situation angeblich passiert ist. Mit dabei waren natürlich auch Spürhunde, die aber nicht anschlugen. Es konnte auch nichts gefunden werden, dass in irgendeiner Weise darauf hindeuten würde, dass Tanja sich dort tatsächlich aufgehalten hat.

Daraufhin verschwand Patrick…

Drei Jahre später, im Jahr 2017, meldete er sich dann plötzlich doch wieder. Er saß zu dieser Zeit dann in der JVA Wolfenbüttel in Haft wegen Betrug und schwerer Körperverletzung.

Er behauptete, Tanja habe die Schüsse im Wald damals überlebt. Und nicht nur das; er behauptete außerdem, er habe Kontakt mit Tanja und sie hätten sogar eine gemeinsame Tochter.

Wieder keimte Hoffnung bei Tanja’s Familie auf. Tanja’s Mutter machte sich dann gemeinsam mit ihrer Nichte sowie einem Kamerateam auf den Weg nach Wolfenbüttel, um Patrick in der JVA zu treffen. Während der Fahrt dorthin sagte Elisabeth, dass es ihr ganz egal ist, was Patrick für ein Mensch ist. Sie sei ihm dankbar dafür, wenn er tatsächlich den Kontakt zu Tanja Mühlinghaus vermitteln würde. Aber selbst wenn nicht sei sie ihm dankbar, dafür, dass er ihr Hoffnung gegeben hat.

 

Der Besuch in der JVA

 

Angekommen in der JVA kommt es tatsächlich zum Treffen. Tanja’s Mutter, ihre Cousine und Patrick sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Natürlich wollte Elisabeth bei diesem Gespräch wissen, wie Tanja es geschafft hat, sich eine neue Identität zu beschaffen und an Papiere zu kommen. Laut Patrick wurde ihr ein neuer Ausweis besorgt, laut dem Tanja damals 20 Jahre alt war. Weiterhin würde sie mittlerweile unter dem Namen Melanie in Frankfurt leben. Er sagte, neue Papiere jeglicher Art zu beschaffen wäre in diesen Kreisen kein Problem. Urkundenfälschung wäre noch das geringste Übel, das dort betrieben wird.

Angeblich hat Tanja von dem Gespräch zwischen Patrick und ihrer Familie gewusst. Sie soll sich Sorgen gemacht haben, dass es zu Vorwürfen durch ihre Mutter kommen würde. Patrick wollte ihr nach dem Gespräch dann von dem positiven Verlauf berichten.

Tanja’s Mutter und deren Nichte waren sehr froh über das Gespräch. Sie fanden Patrick glaubwürdig und schöpften Hoffnung, dass es nun endlich zu einem direkten Kontakt mit Tanja kommen würde. Trotzdem baten sie Patrick mehrfach um Beweise dafür, dass er wirklich Kontakt zu Tanja Mühlinghaus hat. Vorgelegt hat er aber nichts.

 

Treffen mit Tanja

 

Nach dem Treffen in der JVA vergingen neun weitere Monate. Patrick meldete sich wieder bei Elisabeth, erzählte ihr, dass er zwischenzeitlich wieder frei ist und in der Nähe von Tanja und ihrer gemeinsamen Tochter lebte. Er behauptete auch, er wolle mit Tanja nach Wuppertal kommen, so dass Elisabeth endlich wieder auf ihre Tochter treffen könne. In der Zeit dieses Kontakts schickt er auch immer wieder Fotos von der angeblichen gemeinsamen Tochter der beiden.

Schließlich wurden die Pläne des Treffens konkreter und ein fester Termin wurde vereinbart. Umso näher das Treffen rückte, umso mehr wuchs auch die Aufregung. Konnte es tatsächlich sein, dass Elisabeth mit ihrer Vermutung am Tag des Verschwindens Recht behalten sollte und sie Tanja nun wirklich nach knapp 20 Jahren wiedersieht?

Patrick O.Am Abend vor dem Tag des Treffens bekam Elisabeth’s Nichte eine Nachricht von Patrick. In dieser stand: „Das was ich jetzt schreibe sagst du deiner Tante bitte noch nicht. Hab gestern mit Tanja die halbe Nacht geschrieben… sie hat Angst vor morgen und weiss nicht ob sie das hin bekommt… Ich bin heute Nachmittag bei ihr und Jani (die Tochter) vielleicht könntet ihr beide dann mal telefonieren, wenn das für sie ok ist… Jani hat mir um 23.40 h geschrieben dass Mama weint dann haben wir getickert… Melde mich dann Grüße Pat“.

Später kam dann erneut eine Nachricht. Dieses Mal angeblich von Tanja: „Hallo, ich weiß dass das jetzt ziemlich mies kommt, aber ich werde morgen nicht nach Wuppertal kommen. Ich kann das einfach nicht. Es tut mir echt leid, aber sobald ich persönlich vor euch stehe, ist das Leben, was ich jetzt hatte, vorbei und ich wäre wieder Tanja. Es ist meine Entscheidung, und ich muss auch an mein Kind denken. Telefonisch suche ich die Tage den Kontakt, aber alles Weitere braucht Zeit. Bis bald, Melli“

Danach kommt es zu keinerlei weiterem Kontakt mehr – weder telefonisch, noch persönlich, noch per Nachricht.

Tanja’s Mutter fühlte sich anschließend – wie sicher jeder sehr gut nachvollziehen kann – sehr benutzt von Patrick. Man fragt sich zu Recht, was sollte das? Warum tut man das einem Menschen an? Hat er sie all die Jahre belogen? Oder hat er doch die Wahrheit gesagt und Tanja will mit ihrem alten Leben einfach nichts mehr zu tun haben?

Hätten die Beamten, als Patrick von in der JVA war, es nicht wissen müssen, wenn er tatsächlich Kontakt zu Tanja Mühlinghaus hatte, bzw. natürlich auch, wenn genau das nicht der Fall gewesen wäre? Und woher sollte er die Infos über Tanja’s Leben gehabt haben, die nirgendwo bekannt gegeben wurden, wenn nicht von Tanja selbst?

So viele Fragen bleiben bei diesem Fall offen. Ich wünsche Tanja’s Familie sehr, dass sie irgendwann noch erfahren, was mit ihr tatsächlich passiert ist. Und im besten Fall natürlich auch das langersehnte Wiedersehen.

 

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