Operation Midnight Climax: Wie die CIA Prostituierte, LSD und Geheimagenten vereinte – Die ganze Geschichte
San Francisco, Mitte der 1950er-Jahre. Ein Mann betritt eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung im Viertel Telegraph Hill. Toulouse-Lautrec-Poster hängen an den Wänden, schwere rote Vorhänge rahmen die Fenster. Eine attraktive Frau reicht ihm einen Drink. Was er nicht weiß: Hinter den Spiegeln sitzen CIA-Agenten, die jeden seiner Schritte beobachten – und sein Getränk ist mit LSD versetzt.
Was klingt wie die Handlung eines paranoiden Thrillers, war bittere Realität. Operation Midnight Climax war ein Unterprojekt des berüchtigten MKUltra-Programms der CIA und vereinte alles, was man sich an staatlicher Grenzüberschreitung vorstellen kann: Geheimprostitution, Drogenexperimente an ahnungslosen Bürgern und totale Überwachung – alles im Namen der „nationalen Sicherheit“.
Ich nehme dich in diesem Artikel mit auf eine Reise in eines der dunkelsten Kapitel der US-Geheimdienstgeschichte. Du erfährst, wer die Drahtzieher waren, wie die geheimen Bordelle funktioniert haben und warum die Wahrheit erst Jahrzehnte später ans Licht kam. Und ich verspreche dir: Die Realität ist noch verstörender als jede Fiktion.
Der Kalte Krieg und die Angst vor Gehirnwäsche – Warum die CIA nach Gedankenkontrolle suchte
Wenn man sich heute hinsetzt und die Anfänge von MKUltra recherchiert, dann denkt man erstmal: Das kann doch nicht wirklich passiert sein. Aber je tiefer man gräbt, desto klarer wird einem, dass die Paranoia des Kalten Krieges Dinge möglich gemacht hat, die sich kein Hollywood-Drehbuchautor hätte ausdenken können.
Ich muss ehrlich sagen, als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema CIA-Gedankenkontrolle beschäftigt habe, dachte ich das wäre so eine typische Verschwörungstheorie. Irgendwas mit Aluhüten und so. Aber dann habe ich angefangen, die freigegebenen Dokumente zu lesen – und mir ist echt schlecht geworden.
Fangen wir mal vorne an. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich die USA und die Sowjetunion in einem ideologischen Machtkampf gegenüber, den wir heute als Kalten Krieg kennen. Und dann kam der Koreakrieg. Das war so ein Wendepunkt, den viele unterschätzen. Zwischen 1950 und 1953 gerieten tausende amerikanische Soldaten in nordkoreanische und chinesische Kriegsgefangenschaft. Und als einige von denen zurückkamen, war irgendwas anders an ihnen.
Manche dieser Kriegsgefangenen machten plötzlich pro-kommunistische Aussagen vor laufenden Kameras. Einige gestanden angebliche Kriegsverbrechen, die nie stattgefunden hatten. Ein paar wenige weigerten sich sogar, in die USA zurückzukehren. Das hat in Washington für absolute Panik gesorgt. Die Frage, die alle umtrieb: Was haben die Sowjets und Chinesen mit unseren Jungs gemacht?
Der Begriff „Brainwashing“ – auf Deutsch Gehirnwäsche – tauchte damals zum ersten Mal in der amerikanischen Öffentlichkeit auf. Der Journalist Edward Hunter prägte den Ausdruck 1950, und er verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Plötzlich war die Vorstellung, dass der Feind Menschen umprogrammieren könnte, nicht mehr Science-Fiction. Es war eine reale Bedrohung. Zumindest glaubte man das.
Und genau hier wird es interessant. Die CIA hatte nämlich eine ganz bestimmte Angst: den sogenannten „Brainwashing Gap“. Ähnlich wie beim Wettrüsten um Atomwaffen befürchtete man, dass die Sowjetunion einen technologischen Vorsprung bei der Bewusstseinskontrolle haben könnte. Was, wenn Moskau tatsächlich eine Methode entwickelt hatte, mit der man Menschen zu willenlosen Marionetten machen konnte? Was, wenn sie diese Technik gegen amerikanische Agenten, Diplomaten oder sogar Politiker einsetzen würden?
Diese Paranoia war übrigens nicht komplett aus der Luft gegriffen. Es gab tatsächlich Berichte über sowjetische Forschungen in Richtung psychologische Manipulation. Aber wie so oft im Kalten Krieg wurde die tatsächliche Bedrohung massiv übertrieben. Man hat sich gegenseitig hochgeschaukelt – und am Ende wurde die Angst vor dem, was der Feind können könnte, zur Rechtfertigung für die eigenen Grausamkeiten.
Die CIA saß jedenfalls nicht untätig rum. Schon ab etwa 1949 liefen die ersten Geheimprogramme zur Erforschung von Bewusstseinskontrolle. Project Bluebird war eines der frühesten – ein Programm, das sich mit Hypnose und Verhörmethoden beschäftigte. Kurz darauf wurde es in Project Artichoke umbenannt und deutlich erweitert. Bei Artichoke experimentierten CIA-Agenten bereits mit einer Kombination aus Hypnose, Drogen und sensorischer Isolation. Die Versuchspersonen? Häufig Kriegsgefangene und mutmaßliche Doppelagenten. Schon damals waren die ethischen Grenzen quasi nicht existent.
Aber das war alles noch Vorgeplänkel. Der eigentliche Wahnsinn begann am 13. April 1953. An diesem Tag genehmigte CIA-Direktor Allen Dulles offiziell das Programm, das als MKUltra in die Geschichte eingehen sollte. Und an die Spitze setzte er einen Mann, der perfekt für diesen Job war – oder besser gesagt, perfekt furchtbar: Sidney Gottlieb.
Gottlieb war Chemiker mit einem Doktortitel vom California Institute of Technology und hatte eine fast schon besessene Faszination für LSD. Er war überzeugt davon, dass diese Substanz der Schlüssel zur Gedankenkontrolle sein könnte. Ein Wahrheitsserum, das jeden zum Reden bringt. Eine Droge, mit der man die Persönlichkeit eines Menschen komplett auslöschen und neu aufbauen kann. Klingt verrückt? War es auch.
Was Gottlieb besonders gefährlich machte: Er bekam von Dulles praktisch unbegrenzte Befugnisse. Kein wirkliches Oversight, kaum Dokumentationspflichten, ein schwarzes Budget. Der Mann konnte im Grunde machen, was er wollte. Und genau das hat er getan. Die Ziele von MKUltra waren so ehrgeizig wie sie verstörend waren – man wollte Wahrheitsseren entwickeln, Methoden zur Persönlichkeitsmanipulation finden und letztendlich die totale Kontrolle über den menschlichen Geist erlangen.
Was mich bei der ganzen Sache am meisten schockiert hat: Das waren keine durchgeknallten Einzelgänger. Das war ein systematisches, von der Regierung finanziertes Programm mit Hunderten von Mitarbeitern, Dutzenden Unterprojekten und einem Budget von Millionen. Die Angst vor sowjetischer Gehirnwäsche hatte eine Maschinerie in Gang gesetzt, die am Ende weit schlimmere Dinge tat als das, wovor man sich eigentlich fürchtete.
Und das Irre ist ja – die Grundlage für alles, was danach kam, von den geheimen CIA-Bordellen bis zu den LSD-Experimenten an ahnungslosen Bürgern, wurde genau in dieser Phase gelegt. In einer Atmosphäre aus Angst, Geheimhaltung und dem festen Glauben, dass der Zweck jedes Mittel heiligt. Wenn man sich fragt, wie Operation Midnight Climax überhaupt möglich war, dann findet man die Antwort hier: im paranoiden Klima des Kalten Krieges, wo die Regeln der Menschlichkeit hinter verschlossenen Türen einfach nicht mehr galten.
Sidney Gottlieb – Der „Schwarze Hexer“ hinter MKUltra
Es gibt Personen in der Geschichte, bei denen man einfach nicht glauben kann, dass sie echt waren. Sidney Gottlieb ist so jemand. Wenn du dir einen Bond-Bösewicht vorstellst, kommst du vielleicht in die Nähe – aber die Realität ist noch viel bizarrer als jede Fiktion.
Geboren wurde er 1918 als Joseph Scheider in der Bronx, New York. Sohn ungarisch-jüdischer Einwanderer. Und jetzt wird es schon interessant, denn Gottlieb war alles andere als der Typ, den man sich als CIA-Giftmischer vorstellt. Der Mann hatte einen Klumpfuß und stotterte sein ganzes Leben lang. Er machte sogar einen Magister in Sprachtherapie, um sein Stottern in den Griff zu kriegen. Und seine große Leidenschaft? Volkstanz. Kein Witz. Der Typ, der später als skrupellosester Chemiker der CIA-Geschichte gelten würde, tanzte in seiner Freizeit leidenschaftlich gern Folklore.
Aber akademisch war Gottlieb absolut brilliant. Er holte sich seinen Doktortitel in Chemie vom California Institute of Technology – eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen der Welt. 1951 trat er dann in die CIA ein, und ab diesem Moment nahm seine Karriere eine Wendung, die man nur als dunkel bezeichnen kann.
Innerhalb der Agency bekam er schnell zwei Spitznamen, die schon alles sagen: „Schwarzer Hexer“ und „Schmutziger Trickser“. Und die waren verdient. Als Leiter der Abteilung Technical Services Staff war Gottlieb zuständig für all die Dinge, die nie in einem offiziellen Bericht auftauchen sollten. Geheime Gifte, verschwindende Tinten, mit Drogen präparierte Zigarren – der Mann war ein wandelndes Giftlabor. Man denke nur an die berüchtigte vergiftete Zigarre, die für Fidel Castro bestimmt war. Oder das tödliche Taschentuch, das an einen irakischen Oberst geschickt wurde. Das klingt so absurd, dass man fast lachen möchte. Aber für die Opfer war es natürlich alles andere als lustig.
Was mich bei meiner Recherche am meisten fasziniert hat, war dieser krasse Widerspruch in Gottliebs Leben. Privat lebte er mit seiner Familie in einer abgelegenen Hütte in Virginia – ohne Strom, ohne fließend Wasser. Er meditierte, stand vor Sonnenaufgang auf um seine Ziegen zu melken und führte ein geradezu spirituelles Leben. Und tagsüber? Tagsüber plante er Experimente, die Menschen zerstörten. Dieser Kontrast ist so extrem, dass ich irgendwann aufgehört habe zu versuchen, ihn zu verstehen.
Gottliebs große Obsession war LSD. Er war felsenfest davon überzeugt, dass die Sowjetunion die Droge bereits zur Bewusstseinskontrolle einsetzten und dass Amerika dringend aufholen musste. Also besorgte er riesige Mengen LSD aus der Schweiz – dort war die Substanz 1938 von Albert Hofmann erstmals synthetisiert worden – und begann zu experimentieren. Zuerst an Freiwilligen. Dann an Leuten, die nicht ganz so freiwillig dabei waren. Und schließlich an Menschen, die absolut keine Ahnung hatten, was ihnen gerade verabreicht wird.
Und hier wird es richtig verstörend. Gottlieb machte sich systematisch über die verwundbarsten Gruppen der Gesellschaft her. Im Addiction Research Center in Lexington, Kentucky, ließ er durch seinen Kontaktmann Harris Isbell Drogenexperimente an Suchtkranken durchführen – viele davon arm und afroamerikanisch. Die Einrichtung funktionierte laut Berichten eher wie ein Gefängnis als wie ein Krankenhaus. Die Patienten hatten kaum eine Wahl. Manche wurden über Wochen am Stück mit LSD behandelt.
Dann war da Ewen Cameron an der McGill University in Montreal. Cameron war Direktor des Allan Memorial Institute und führte dort im Auftrag von Gottlieb Experimente durch, die einem den Magen umdrehen. Sensorische Deprivation, massive Elektroschocks, wochenlange Dauerbeschallung mit sich wiederholenden Tonbändern – alles mit dem Ziel, die bestehende Persönlichkeit eines Menschen auszulöschen und durch eine neue zu ersetzen. Seine Patienten, darunter ganz normale Menschen die wegen Depressionen oder Angstzuständen Hilfe suchten, erlitten teils irreversible Schäden.
Und das Geld für all diese Experimente? Das floss über eine geniale Tarnkonstruktion. Gottlieb gründete die Human Ecology Fund – offiziell eine harmlose Forschungsstiftung, in Wahrheit ein Vehikel um CIA-Gelder an Universitäten und Forschungseinrichtungen zu schleusen, ohne dass jemand die Verbindung zur Agency herstellen konnte. So wurden Dutzende von Forschungsprojekten an angesehenen Institutionen finanziert, deren Wissenschaftler teilweise nicht mal wussten, dass die CIA hinter dem Geld steckte.
Was mich aber am allermeisten schockiert: Gottlieb experimentierte nicht nur an Fremden. Er verabreichte sogar seinen eigenen CIA-Kollegen heimlich LSD. Einfach so, beim Mittagessen oder auf Dienstreisen. Der tragischste Fall davon ist der von Frank Olson – aber dazu komme ich später noch ausführlich.
Am Ende muss man sich fragen: Wie konnte ein einzelner Mensch so viel Schaden anrichten? Die Antwort ist leider simpel. Gottlieb operierte in einem System, das ihn nicht nur gewähren ließ, sondern aktiv ermutigte. Keine echte Aufsicht, ein praktisch unbegrenztes Budget, und die ständige Rechtfertigung durch die Bedrohung des Kalten Krieges. Wenn man ihm freie Hand gab, dann nicht weil niemand wusste was er tat – sondern weil die Leute an der Spitze es wissen wollten.
Sidney Gottlieb starb am 7. März 1999. Strafrechtlich wurde er nie zur Verantwortung gezogen. Er handelte einen Deal aus, der ihn vor Verfolgung schützte. Der „Schwarze Hexer“ nahm die meisten seiner Geheimnisse mit ins Grab – nachdem er 1973 persönlich dafür gesorgt hatte, dass der Großteil der MKUltra-Akten vernichtet wurde.
George Hunter White – Der Mann, der die CIA-Bordelle leitete
Wenn Sidney Gottlieb der Architekt von MKUltra war, dann war George Hunter White der Bauarbeiter, der sich die Hände schmutzig machte. Und zwar richtig schmutzig. Bei kaum einer anderen Figur in der Geschichte der CIA-Drogenexperimente verschwimmt die Grenze zwischen Pflichterfüllung und persönlicher Perversion so sehr wie bei diesem Mann.
Aber fangen wir von vorne an. George Hunter White war kein typischer Schreibtischagent. Der Mann war ein Haudegen, ein Straßenkämpfer – jemand, der schon lange vor seiner CIA-Karriere gelernt hatte, sich in den dunkelsten Ecken der Gesellschaft zu bewegen. Hauptberuflich arbeitete er für das Federal Bureau of Narcotics, die Vorgängerbehörde der heutigen DEA. Im Zweiten Weltkrieg diente er dann als Kapitän beim OSS, dem Office of Strategic Services – also dem Vorläufer der CIA.
Und schon damals zeigte sich, was White besonders gut konnte. 1943 bekam er einen ziemlich ungewöhnlichen Auftrag: Er sollte ein Marihuana-Extrakt als sogenanntes Wahrheitsserum an einem New Yorker Mafiosi testen. Die Idee war simpel – den Typen high machen und dann ausfragen. Ein Kollege von White erinnerte sich später, dass es bei fast allen Testpersonen funktioniert habe. Nur einer machte nicht mit, und der hatte einfach nicht geraucht. Die Ergebnisse wurden am Ende als „nicht schlüssig“ eingestuft, aber für White war die Saat gelegt. Er hatte Blut geleckt, was verdeckte Drogenoperationen anging.
Als die CIA dann in den frühen 1950er-Jahren Leute suchte, die ihre LSD-Experimente im Feld durchführen konnten, war White die Idealbesetzung. Gottlieb holte ihn an Bord, und White bekam eine neue Identität: Morgan Hall – angeblich ein mittellos kämpfender Künstler. Das ist schon fast komisch, wenn man sich den echten White vorstellt. Der Mann wog ungefähr 115 Kilogramm, schwitzte ständig und sah aus wie ein korrupter Sheriff aus einem schlechten B-Movie. Die Vorstellung, dass jemand ihm die Rolle eines sensiblen Künstlers abkaufen sollte, ist ehrlich gesagt absurd.
Sein erster Einsatzort war Greenwich Village in New York City. Dort richtete er in der 81 Bedford Street ein Safehouse ein und begann, seinen „Gästen“ LSD, K.O.-Tropfen und Marihuana über Essen, Getränke und Zigaretten zu verabreichen. Das Ziel war ursprünglich, die Leute zum Reden zu bringen – eine Art chemisches Verhör. Aber es dauerte nicht lange, bis White die Sache in eine ganz andere Richtung lenkte.
1955 zog er nach San Francisco und baute dort das berüchtigte Safehouse in der 225 Chestnut Street auf, im Viertel Telegraph Hill. Und hier wurde es dann richtig verstörend. White wollte, dass die Wohnung den Look eines französischen Bordells hat. Er hängte Toulouse-Lautrec-Poster an die Wände, Bilder von Can-Can-Tänzerinnen, dazu Bondage- und S&M-Fotos. Schwere rote Vorhänge rahmten die Fenster. Das Ganze sollte verführerisch wirken, einladend. Ein ehemaliger Drogenermittler, der regelmäßig dort war, sagte später zu dem Journalisten John Marks: „Es sollte edel aussehen, aber eigentlich war es billig eingerichtet.“
Und dann installierte White Zwei-Wege-Spiegel. Hinter diesen Spiegeln richtete er sich einen Beobachtungsraum ein – und jetzt kommt das Detail, das mich beim Recherchieren am meisten fertig gemacht hat: Er stellte dort einen Minikühlschrank und eine tragbare Toilette auf. Damit er den Raum nicht verlassen musste. Damit er nichts verpasste. Stundenlang saß dieser Mann hinter dem Glas, trank Martinis und beobachtete, wie die Prostituierten auf der CIA-Gehaltsliste ihre ahnungslosen Freier unterhielten – Freier, deren Drinks mit LSD versetzt waren.
Ich muss ehrlich sagen, als ich das zum ersten Mal gelesen habe, musste ich das Buch kurz weglegen. Es gibt einen Moment in der Recherche, wo einem klar wird, dass man es nicht mehr mit einem nüchternen Geheimdienstprogramm zu tun hat. Sondern mit der persönlichen Obsession eines Voyeurs, der zufällig staatliche Deckung hatte.
Und White selbst? Der sah das Ganze offenbar als den besten Job der Welt. Nach seiner Pensionierung 1965 schrieb er einen Brief an Sidney Gottlieb, in dem er auf seine Jahre bei Midnight Climax zurückblickte. Und dieser Brief ist vielleicht das verstörendste Dokument der gesamten MKUltra-Geschichte. White schrieb sinngemäß: „Ich war nur ein kleiner Missionär, eigentlich ein Ketzer, aber ich schuftete mit vollem Herzen in den Weinbergen, weil es Spaß, Spaß, Spaß war. Wo sonst könnte ein rotblütiger amerikanischer Junge lügen, töten, betrügen, stehlen, vergewaltigen und plündern – mit dem Segen und der Genehmigung der Allerhöchsten?“
Das ist kein Zitat, das man sich ausdenken könnte. Das hat der Mann wirklich geschrieben. Schwarz auf weiß. Und es sagt alles über die Mentalität, die hinter Operation Midnight Climax steckte. Keine Reue. Kein Schuldbewusstsein. Nur die reine Freude daran, Dinge tun zu dürfen, die normalerweise jeden ins Gefängnis bringen würden.
White starb 1975, zehn Jahre nach seiner Pensionierung. Er nahm viele Geheimnisse mit ins Grab. Aber seine Tagebücher und persönlichen Unterlagen, die nach seinem Tod beschlagnahmt wurden, lieferten den Ermittlern des Church Committee wichtige Einblicke in das wahre Ausmaß der Operation. Ironischerweise war es also ausgerechnet White – der Mann, der so stolz auf seine schmutzige Arbeit war – der posthum dabei half, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen.
Wenn man sich fragt, wie eine demokratische Regierung solche Dinge zulassen konnte, dann ist George Hunter White die Antwort in Menschenform. Er war das perfekte Werkzeug für einen perfekt abscheulichen Job. Und das Schlimmste daran? Er wusste es – und er liebte es.
Die Safehouses – So funktionierten die geheimen CIA-Bordelle in San Francisco und New York
Okay, jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern von Operation Midnight Climax. Zu den Orten, an denen alles passiert ist. Und ich muss sagen, je mehr ich über diese Safehouses erfahren habe, desto surrealer wurde das Ganze. Weil es eben keine dunklen Kellerräume waren, keine sterilen Labore. Es waren schicke Wohnungen in den besten Vierteln von San Francisco und New York.
Das Haupt-Safehouse befand sich in der 225 Chestnut Street, im Viertel Telegraph Hill in San Francisco. Wenn du dir das heute auf Google Maps anschaust, siehst du eine der teuersten Wohngegenden der Stadt. Damals wie heute hatte man von dort einen atemberaubenden Blick auf die San Francisco Bay. Die Wohnung selbst war ein weitläufiges Sechs-Zimmer-Duplex – also keine kleine Bude, sondern eine richtig großzügige Unterkunft. Und genau das war Teil des Plans.
George White hatte die Wohnung mit einer ganz bestimmten Absicht eingerichtet. Alles musste verführerisch wirken, einladend, ein bisschen verrückt. An den Wänden hingen Toulouse-Lautrec-Poster mit ihren berühmten Darstellungen des Pariser Nachtlebens. Dazu Bilder von Can-Can-Tänzerinnen und – ja, wirklich – pornografische Poster. Schwere rote Vorhänge hingen vor den Fenstern. Große Wandspiegel waren überall verteilt. Das Ganze sollte aussehen wie ein gehobenes französisches Bordell. Oder zumindest das, was ein 115-Kilo-Drogenfahnder sich darunter vorstellte.
Aber es gab nicht nur dieses eine Safehouse. Die CIA betrieb ein ganzes Netzwerk. In Mill Valley, einer Kleinstadt nördlich von San Francisco in Marin County, gab es eine weitere Einrichtung. Und an der Ostküste, in Greenwich Village in New York City – genauer gesagt in der 81 Bedford Street – lief ein ähnliches Programm. Offiziell wurde das Ganze als MKUltra Subproject 3 geführt. So nüchtern kann Bürokratie klingen, wenn sie Menschenrechtsverletzungen in Aktenzeichen verwandelt.
Und jetzt zur Methode, die in diesen Safehouses angewendet wurde. Die ist eigentlich erschreckend simpel. Die CIA hatte Prostituierte auf ihrer Gehaltsliste. Diese Frauen wurden instruiert, Männer in Bars, Clubs oder auf der Straße anzusprechen und in die Wohnungen zu locken. Stell dir das mal vor: Du bist ein ganz normaler Typ in San Francisco Mitte der Fünfziger, triffst eine attraktive Frau, sie lädt dich zu sich ein – und du ahnst nicht im Entferntesten, dass du gerade in eine Falle der CIA tappst.
In der Wohnung angekommen, bekam das Opfer einen Drink angeboten. Und in diesem Drink war LSD. Manchmal auch andere psychoaktive Substanzen – Psilocybin zum Beispiel, oder K.O.-Tropfen. Die Männer merkten nichts. Sie dachten, es sei ein ganz normaler Abend. Und dann begann das LSD zu wirken.
Hier kommt der technische Teil, der mich bei der Recherche echt kalt erwischt hat. Die Zwei-Wege-Spiegel, die White überall in der Wohnung hatte anbringen lassen, waren nicht einfach nur zum Gucken da. Dahinter befand sich ein komplett ausgestatteter Beobachtungsraum. Und in den Steckdosen – in den verdammten Steckdosen! – waren versteckte Aufnahmegeräte installiert. Mikrofone, die jedes Wort, jedes Geräusch aufzeichneten. Die Überwachung war lückenlos.
Und was machten die CIA-Agenten hinter den Spiegeln? Sie beobachteten. Stundenlang. Laut verschiedenen Berichten saßen sie da, tranken Martinis und machten sich ausführliche Notizen über das Verhalten der Versuchspersonen unter LSD-Einfluss. Wie reagiert ein Mann auf die Droge? Verändert sich sein Verhalten während des sexuellen Kontakts? Kann man in diesem Zustand Informationen aus ihm herausbekommen? Das waren die Fragen, die sie angeblich erforschen wollten.
Ich sage „angeblich“, weil ziemlich schnell klar wurde, dass die wissenschaftliche Komponente bei vielen Beteiligten eher Nebensache war. Vor allem bei White selbst ging es zunehmend um reinen Voyeurismus. Die Grenzen zwischen Forschung und persönlicher Befriedigung verschwammen immer mehr. Ein späterer Bericht der CIA bezeichnete das Treiben in den Safehouses als „die fleischlichen Operationen der CIA“ – und das trifft es ziemlich gut.
Was mich bei all dem besonders beschäftigt: Niemand weiß genau, wie viele Männer in diesen Safehouses als unwissende Versuchspersonen missbraucht wurden. Die CIA hat den Großteil der Unterlagen 1973 vernichten lassen. Schätzungen reichen von Dutzenden bis zu mehreren Hundert Opfern allein bei Operation Midnight Climax. Aber die genaue Zahl werden wir wohl nie erfahren.
Und dann ist da noch die Frage nach den Prostituierten selbst. Wie freiwillig war deren Beteiligung wirklich? Sie standen auf der Gehaltsliste der CIA, klar. Aber wussten sie vollständig, worauf sie sich einließen? Waren sie sich bewusst, dass sie ahnungslosen Männern halluzinogene Drogen verabreichten? Auch das ist eine Frage, auf die es keine befriedigende Antwort gibt. Die Frauen wurden in den offiziellen Dokumenten kaum erwähnt – sie waren Werkzeuge, keine Personen.
Heute ist die 225 Chestnut Street übrigens einfach eine teure Wohnadresse in San Francisco. Kein Schild, kein Gedenkstein, nichts. Wenn du dort vorbeigehst, siehst du ein normales Gebäude mit einem tollen Blick auf die Bay. Und genau das macht die Geschichte so gruselig – die schlimmsten Dinge passieren manchmal an Orten, die völlig harmlos aussehen.
LSD, Sex und Überwachung – Was genau in den Safehouses passierte
Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Abschnitt schreiben soll. Weil es ab hier wirklich unangenehm wird. Nicht unangenehm im Sinne von „schwieriges Thema“ – das ist der ganze Artikel. Sondern unangenehm, weil die Details so konkret und so menschenverachtend sind, dass man sich fragt, wie so etwas in einem Land passieren konnte, das sich als Hüter der Freiheit versteht.
Also, was genau lief in den CIA-Safehouses ab? Im Grunde war der Ablauf immer ähnlich. Eine Prostituierte auf der CIA-Gehaltsliste lernte einen Mann kennen – in einer Bar, auf der Straße, irgendwo in San Francisco oder New York. Sie brachte ihn mit in die Wohnung. Dort wurde ihm ein Drink angeboten. Und in diesem Drink war LSD.
Die Verabreichung war dabei so unauffällig, dass die Opfer absolut nichts bemerkten. LSD ist geschmacks- und geruchlos, und in den 1950er-Jahren kannte praktisch niemand außerhalb der wissenschaftlichen Community diese Substanz. Die Männer tranken ihren Cocktail und ahnten nicht, dass sie gerade eine der stärksten halluzinogenen Drogen der Welt zu sich nahmen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber LSD war nicht die einzige Substanz, die zum Einsatz kam. Die CIA-Agenten experimentierten auch mit Psilocybin, dem Wirkstoff aus psychoaktiven Pilzen. Dazu K.O.-Tropfen, Marihuana und verschiedene andere psychotrope Substanzen, deren genaue Zusammensetzung wir teilweise bis heute nicht kennen. Die Safehouses waren im Grunde ein riesiges Drogenlabor – nur dass die Versuchskaninchen keine Ahnung hatten, dass sie Versuchskaninchen waren.
Was waren eigentlich die offiziellen Forschungsziele? Laut den wenigen überlebenden Dokumenten wollte die CIA mehrere Dinge herausfinden. Erstens: Wie wirkt LSD in Kombination mit sexueller Aktivität? Verändert sich das Verhalten der Person? Wird sie offener, verletzlicher, manipulierbarer? Zweitens: Lässt sich Sex als Werkzeug für Erpressung einsetzen? Kann man jemanden in einer kompromittierenden Situation filmen und dann damit erpressen – eine sogenannte Honeypot-Operation? Und drittens – und das finde ich persönlich am verstörendsten: Wann genau kann man am besten Informationen aus einer Person extrahieren?
Die CIA kam tatsächlich zu einem konkreten Ergebnis bei der dritten Frage. Ihre Beobachtungen ergaben, dass der beste Zeitpunkt zur Informationsgewinnung unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr lag. In diesem Moment, so die Theorie, sei der Mann am entspanntesten, am wenigsten misstrauisch und am ehesten bereit, offen zu reden. Ob das nun stimmt oder nicht – allein die Tatsache, dass eine Regierungsbehörde systematisch erforschte, wann ein drogenberauschter Mann nach dem Sex am leichtesten auszuquetschen ist, sagt schon alles über den moralischen Kompass dieser Operation.
Was viele Leute nicht wissen: Die Experimente in den Safehouses waren nur die Spitze des Eisbergs. Im breiteren MKUltra-Programm wurde auch erforscht, was passiert, wenn man LSD mit extremer Isolation kombiniert. Es gibt Berichte über Versuchspersonen, die monatelang unter Drogen gesetzt und in Isolationshaft gehalten wurden – mit minimaler Nahrung und kaum Wasser. Das ging weit über die Safehouses hinaus, aber es zeigt, in welchem Kontext Midnight Climax stand. Die Bordelle waren nicht der einzige Schauplatz des Horrors, sie waren einer von vielen.
Und jetzt ein Detail, das mich wirklich fassungslos gemacht hat: Es gab keinerlei medizinische Voruntersuchungen der Versuchspersonen. Null. Kein Arzt hat vorher gecheckt, ob die Männer Herzprobleme hatten, ob sie psychisch vorbelastet waren, ob sie Medikamente nahmen die mit LSD gefährlich interagieren könnten. Nichts. Die Typen hinter dem Spiegel hatten keine Ahnung, wem sie da gerade eine hochwirksame halluzinogene Droge verabreichten. Ob das ein kerngesunder 30-Jähriger war oder jemand mit einer nicht diagnostizierten Psychose – es war ihnen schlichtweg egal.
Das ist auch der Grund, warum ein Senatsuntersuchungsausschuss später nicht nur feststellte, dass die Experimente ohne Einwilligung durchgeführt worden waren, sondern auch, dass das Fehlen jeglicher medizinischer Vorsorge an sich schon unverantwortlich war. Man brauchte kein Jurastudium um zu erkennen, dass hier alles schief gelaufen ist.
Die große Frage, die sich jeder stellt: Wie viele Menschen waren betroffen? Und die frustrierende Antwort ist: Wir wissen es nicht. Als CIA-Direktor Richard Helms 1973 die Vernichtung der MKUltra-Akten anordnete, verschwanden die meisten Aufzeichnungen für immer. Was übrig blieb, waren Fragmente – ein paar Finanzunterlagen hier, ein paar persönliche Notizen dort. George Whites eigene Aufzeichnungen, die nach seinem Tod beschlagnahmt wurden, deuteten auf „Hunderte von Versuchspersonen“ über die gesamte Laufzeit des Programms hin.
Für Operation Midnight Climax allein schätzen Historiker die Zahl der Betroffenen auf irgendwo zwischen mehreren Dutzend und einigen Hundert Menschen. Aber das sind eben nur Schätzungen. Die wahre Zahl könnte deutlich höher liegen. Und selbst wenn es „nur“ ein paar Dutzend gewesen wären – jeder einzelne davon war ein Mensch, dem ohne sein Wissen eine potentiell gefährliche Droge verabreicht wurde, während er von Regierungsagenten beobachtet und gefilmt wurde.
Manchmal frage ich mich, was aus diesen Männern geworden ist. Ob manche von ihnen Jahre später in einer Arztpraxis saßen und von seltsamen Flashbacks berichteten, ohne je zu erfahren was ihnen damals wirklich passiert ist. Ob manche psychische Probleme entwickelt haben, für die es scheinbar keine Erklärung gab. Das ist vielleicht das Grausamste an der ganzen Sache – die Opfer wussten nicht mal, dass sie Opfer waren.
Der Fall Frank Olson – Tod eines CIA-Wissenschaftlers durch LSD
Von allen Geschichten rund um MKUltra und Operation Midnight Climax ist der Fall Frank Olson die, die mich am meisten verfolgt hat. Weil es hier nicht um einen anonymen Fremden geht, der in einem CIA-Bordell unwissentlich LSD bekam. Sondern um einen Kollegen. Einen Mann aus den eigenen Reihen. Und weil sein Tod bis heute eines der größten ungelösten Rätsel der amerikanischen Geheimdienstgeschichte ist.
Wer war Frank Olson? Er war Bakteriologe und arbeitete als Biowaffenforscher für die US-Armee in Fort Detrick, Maryland – dem Zentrum der amerikanischen Biowaffenforschung. Ein ruhiger, intelligenter Wissenschaftler mit Frau und Kindern. Kein Agent, kein Abenteurer. Einfach ein Forscher, der seinen Job machte. Allerdings brachte ihn genau dieser Job in Kontakt mit Sidney Gottlieb und dem inneren Kreis von MKUltra.
Und dann kam der 18. November 1953. An diesem Tag lud Gottlieb eine Gruppe von CIA-Wissenschaftlern und Militärforschern zu einem Arbeits-Retreat an den Deep Creek Lake in Maryland ein. Abends saß man zusammen, es wurde getrunken. Gottlieb schenkte Cointreau aus – und was keiner der Anwesenden wusste: Er hatte den Likör mit einer ordentlichen Dosis LSD versetzt. Einfach so. Ohne Vorwarnung, ohne Einwilligung. Er drogierte seine eigenen Kollegen, als wäre es ein harmloser Streich.
Erst Stunden später informierte Gottlieb die Gruppe darüber, was er getan hatte. Für die meisten war der Trip unangenehm, aber sie erholten sich. Frank Olson nicht.
In den Tagen nach dem Retreat veränderte sich Olson dramatisch. Er wurde paranoid, ängstlich, zeigte schwere psychotische Symptome. Kollegen berichteten, dass er den Wunsch äußerte, aus dem Projekt auszusteigen. Er wollte raus. Und genau das machte ihn in den Augen der CIA-Führung möglicherweise zu einem Sicherheitsrisiko. Denn Olson wusste Dinge. Er hatte Einblicke in die dunkelsten Ecken von MKUltra, in die Biowaffenforschung, in Dinge, die niemals an die Öffentlichkeit gelangen durften.
Was dann passierte, kann ich nur so wiedergeben, wie es in den Akten steht – und mit dem Hinweis, dass vieles davon umstritten ist. Gottlieb schickte Olson zusammen mit seinem Stellvertreter Robert Lashbrook nach New York, angeblich um einen CIA-nahen Arzt aufzusuchen. Dieser Arzt war Harold Abramson, der offiziell eine Allergieklinik am Mount Sinai betrieb, aber in Wahrheit von Gottlieb finanziert wurde, um LSD-Forschung zu betreiben. Wohlgemerkt: Abramson war kein Psychiater. Er war Allergologe. Und ihm sollte ein Mann mit akuter drogeninduzierter Psychose anvertraut werden.
Am 28. November 1953, nur zehn Tage nach der heimlichen LSD-Gabe, stürzte Frank Olson aus dem Fenster seines Zimmers im 10. Stock des Hotel Statler in New York City. Er war sofort tot. Sein Zimmergenosse in dieser Nacht? Robert Lashbrook. Gottliebs rechte Hand.
Die New Yorker Polizei stufte den Fall zunächst als Suizid ein. Als die Beamten Lashbrook baten, seine Taschen zu leeren, fanden sie einen Zettel mit zwei Kürzeln: „GW“ und „MH“. Wie sich später herausstellte, standen diese für George White und Morgan Hall – Whites CIA-Deckname. Warum Gottliebs Stellvertreter die Kontaktdaten des Mannes bei sich trug, der die CIA-Bordelle in New York betrieb, wurde nie zufriedenstellend erklärt.
Jahrzehntelang blieb Olsons Tod unter Verschluss. Erst als in den 1970er-Jahren die ersten MKUltra-Enthüllungen kamen, erfuhr die Familie die Wahrheit – oder zumindest Teile davon. Die offizielle Version wurde mehrfach geändert. Erst Suizid, dann „Missgeschick“ im Rahmen eines Drogenexperiments. 1975 entschuldigte sich Präsident Gerald Ford persönlich bei der Familie Olson. CIA-Direktor William Colby übergab ihnen Dokumente. Die Familie erhielt eine Entschädigung von 750.000 Dollar.
Aber für Eric Olson, Franks Sohn, war die Sache damit nicht erledigt. Er kämpfte jahrzehntelang für eine unabhängige Untersuchung. 1994 ließ er den Leichnam seines Vaters exhumieren. Der Gerichtsmediziner James Starrs fand dabei eine bisher unentdeckte Verletzung am Schädel – eine Beule, die auf einen Schlag vor dem Sturz hindeuten könnte. Sein Fazit: Die Umstände seien eher mit einem Mord vereinbar als mit einem Suizid.
Die CIA hat das natürlich immer bestritten. Und bis heute gibt es keine endgültige Antwort. Ist Frank Olson gesprungen, weil das LSD seine Psyche zerstört hatte? Oder wurde er aus dem Fenster gestoßen, weil er zu viel wusste und drohte auszupacken? Wir werden es wahrscheinlich nie mit Sicherheit erfahren.
Was wir wissen ist, dass der Fall Frank Olson zu einem kulturellen Bezugspunkt geworden ist. 2017 machte Dokumentarfilmer Errol Morris die Geschichte zur Grundlage seiner Netflix-Serie „Wormwood“ – ein verstörendes, vielschichtiges Werk, das den Fall aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und die Zuschauer mit mehr Fragen zurücklässt als Antworten.
Für mich persönlich ist der Fall Olson der Moment, in dem MKUltra aufhört, ein abstraktes Regierungsprogramm zu sein. Es ist der Moment, in dem alles ein Gesicht bekommt. Ein Mann mit einer Familie, der morgens zur Arbeit ging und nicht wusste, dass sein eigener Chef ihm Drogen ins Glas mischen würde. Zehn Tage später war er tot. Und die Verantwortlichen? Die machten einfach weiter. Gottlieb leitete MKUltra noch fast zwanzig Jahre lang nach Olsons Tod. Kein Konsequenzen, keine Strafe, nichts.
Das ist die Realität von Operation Midnight Climax und MKUltra. Es ging nicht nur um Prostituierte und LSD in Safehouses. Es ging um ein System, das Menschen verschlang – sogar die eigenen Leute. Und das ist vielleicht die schockierendste Erkenntnis von allen.
Das Ende von Operation Midnight Climax – Warum das Programm eingestellt wurde
Man könnte denken, dass ein Programm wie Operation Midnight Climax irgendwann aus moralischen Gründen beendet wurde. Dass irgendjemand in der CIA aufgestanden ist und gesagt hat: „Leute, was wir hier machen ist falsch.“ Aber so lief es natürlich nicht. Die Wahrheit ist viel nüchterner – und ehrlich gesagt noch deprimierender.
Der Anfang vom Ende kam 1963, und er kam nicht aus Gewissensbissen, sondern aus Bürokratie. CIA-Generalinspektor John Earman hatte eine interne Überprüfung des MKUltra-Programms durchgeführt und dabei auch die Safehouses von Operation Midnight Climax unter die Lupe genommen. Sein Bericht war vernichtend. Earman empfahl dringend die Schließung der Einrichtungen. Nicht weil er das Leid der Opfer beklagte, sondern weil das ganze Unterfangen ein unkontrollierbares Sicherheitsrisiko darstellte. Die Angst war nicht, dass Menschen zu Schaden kamen – die Angst war, dass jemand davon erfahren könnte.
Aber selbst vor Earmans Bericht hatte es schon Risse im Fundament gegeben. Bereits 1960 hatte Sidney Gottlieb selbst in einem internen Memo eingeräumt, dass die LSD-Experimente nicht die erhofften Durchbrüche erzielt hatten. Die Ergebnisse waren schlicht zu unvorhersehbar. Jeder Mensch reagierte anders auf die Droge. Manche wurden redselig, andere panisch, wieder andere komplett unzurechnungsfähig. Ein zuverlässiges Wahrheitsserum? Fehlanzeige. Eine Methode zur totalen Gedankenkontrolle? Nicht mal ansatzweise. Nach fast einem Jahrzehnt an Experimenten, Millionen von Dollar und unzähligen zerstörten Leben musste selbst der „Schwarze Hexer“ zugeben, dass LSD als Geheimwaffe ein Reinfall war.
In seiner Aussage vor dem Church Committee 1975 formulierte Gottlieb es so: Wenn man alles zusammenrechne – das Geld, den Aufwand, das Sicherheitsrisiko – dann sei MKUltra wahrscheinlich kein Programm mit hoher Rendite gewesen. So kühl kann man Jahrzehnte voller Menschenrechtsverletzungen zusammenfassen, wenn man ein CIA-Chemiker im Ruhestand ist.
Und dann war da noch ein Faktor, mit dem die CIA nicht gerechnet hatte: die Gegenkultur der 1960er-Jahre. In San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury entstand eine Hippie-Bewegung, die LSD zur Massendroge machte. Plötzlich war die Substanz, die die CIA jahrelang als streng geheimes Forschungsmaterial gehütet hatte, auf der Straße verfügbar. Ken Kesey – ja, der Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“ – hatte seine ersten LSD-Erfahrungen übrigens als freiwilliger Teilnehmer an MKUltra-Experimenten im VA Hospital in Menlo Park gemacht. Die Ironie ist kaum zu übertreffen: Die CIA finanzierte die Forschung, deren Ergebnisse letztendlich dazu beitrugen, dass LSD zum Symbol einer Bewegung wurde, die gegen genau das Establishment rebellierte, das die Droge entwickelt hatte.
Für die CIA bedeutete das konkret: Ihr Monopol auf LSD war dahin. Wenn jeder Hippie in der Bay Area an die Substanz rankam, machte es keinen Sinn mehr, geheime Bordelle zu betreiben, um die Wirkung zu erforschen. Die Droge war entzaubert – zumindest als Geheimwaffe.
Die Safehouses in San Francisco wurden 1965 geschlossen. George White ging im selben Jahr in den Ruhestand. Die Wohnung in der 225 Chestnut Street wurde gesäubert – die Zwei-Wege-Spiegel ausgebaut, die Möbel versteigert, die Aufnahmegeräte entfernt. Das New Yorker Safehouse in Greenwich Village folgte 1966. Operation Midnight Climax, offiziell als MKUltra Subproject 3 geführt, war damit Geschichte.
Aber – und das ist ein wichtiges Aber – das übergeordnete MKUltra-Programm lief noch weiter. Bis 1972. Fast sieben Jahre nach dem Ende der Safehouses experimentierte die CIA weiterhin mit Drogen, Hypnose und anderen Methoden der Verhaltensmodifikation. Nur halt nicht mehr in Bordellen mit Prostituierten. Die Forschung verlagerte sich in andere Bereiche, weniger sichtbar, aber nicht weniger fragwürdig.
George White erlebte die endgültige Aufdeckung nicht mehr. Er starb 1975, im selben Jahr, in dem das Church Committee begann, die CIA-Geheimnisse ans Licht zu zerren. Man kann drüber spekulieren, ob das Zufall war oder ob der Stress der nahenden Enthüllungen seinen Tribut gefordert hat. Was wir wissen: White nahm viele Details über den Alltag in den Safehouses mit ins Grab. Aber seine Tagebücher und persönlichen Aufzeichnungen, die nach seinem Tod beschlagnahmt wurden, lieferten den Ermittlern trotzdem wertvolle Einblicke.
Und dann kam der 31. Januar 1973. An diesem Tag traf CIA-Direktor Richard Helms eine Entscheidung, die die Aufklärung von MKUltra für immer behindern sollte. Er ordnete die Vernichtung aller MKUltra-Akten an. Helms war der dritte CIA-Direktor, der das Gedankenkontrollprogramm beaufsichtigt hatte, und er wollte sicherstellen, dass niemand die ganze Wahrheit erfahren würde. Tausende von Dokumenten wurden geschreddert. Jahre an Forschungsergebnissen, Versuchsprotokollen, Namenslisten – alles weg.
Die Vernichtungsaktion war so gründlich, dass ein späterer Senatsuntersuchungsausschuss massiv behindert wurde. Was wir heute über MKUltra und Midnight Climax wissen, stammt größtenteils aus sieben Kisten mit Finanzunterlagen, die bei der Aktenvernichtung übersehen wurden. Sieben Kisten. Von einem Programm, das über zwanzig Jahre lief und Hunderte von Unterprojekten umfasste.
Das Ende von Operation Midnight Climax war also nicht das Ergebnis eines moralischen Erwachens. Es war eine Mischung aus enttäuschenden Ergebnissen, bürokratischen Bedenken und dem Verlust des LSD-Monopols. Die Safehouses wurden nicht geschlossen, weil jemand das Richtige tat – sondern weil sie nicht mehr nützlich waren. Und als es dann darum ging, die Spuren zu verwischen, war die CIA gründlicher als je zuvor. Zumindest fast.
Aufdeckung und Enthüllung – Wie die Wahrheit ans Licht kam
Das Verrückte an der ganzen MKUltra-Geschichte ist ja: Eigentlich hätten wir nie davon erfahren sollen. Richard Helms hatte 1973 die Akten vernichten lassen. Die Beteiligten schwiegen. Die Opfer wussten nicht mal, dass sie Opfer waren. Das Ganze hätte für immer begraben bleiben können. Dass es nicht so kam, verdanken wir einer Handvoll hartnäckiger Journalisten, einem vergesslichen Archivar und dem politischen Klima der 1970er-Jahre.
Los ging es 1974 mit einem Mann, dessen Name in der Geschichte des investigativen Journalismus einen festen Platz hat: Seymour Hersh. Der Pulitzer-Preisträger veröffentlichte in der New York Times eine Artikelserie, die wie eine Bombe einschlug. Hersh enthüllte, dass die CIA über Jahre hinweg massive illegale Inlandsoperationen durchgeführt hatte – Überwachung amerikanischer Bürger, illegale Abhöraktionen, und ja, auch Drogenexperimente. Die Details waren noch vage, aber die Richtung war klar: Die CIA hatte systematisch gegen ihre eigene Satzung verstoßen, die ihr Inlandsoperationen explizit untersagte.
Was Hersh angestoßen hatte, konnte die Politik nicht mehr ignorieren. Anfang 1975 gründete Präsident Gerald Ford die sogenannte Rockefeller-Kommission. Offizieller Name: United States President’s Commission on CIA Activities within the United States. Ihr Auftrag war es, mögliche illegale CIA-Aktivitäten auf US-Boden zu untersuchen. Und was diese Kommission fand, war schockierend – selbst für Leute, die dachten sie wüssten schon, was die CIA so trieb.
Die Rockefeller-Kommission stellte fest, dass die CIA in großem Umfang amerikanische Bürger ausspioniert hatte, illegale Abhöraktionen durchgeführt hatte und ihre illegalen Aktivitäten gezielt gegen Amerikaner richtete, die offen ihre Regierung kritisierten. MKUltra und Operation Midnight Climax waren Teil dieses Befunds. Zum ersten Mal stand schwarz auf weiß in einem offiziellen Dokument, was in den Safehouses von San Francisco und New York passiert war.
Parallel zur Rockefeller-Kommission nahm im Senat das Church Committee seine Arbeit auf – benannt nach dem demokratischen Senator Frank Church aus Idaho. Dieser Untersuchungsausschuss ging noch tiefer. Im Herbst 1975 wurden Zeugen vorgeladen und befragt. Und hier kam es zu einem Moment, der fast schon absurdes Theater war. Senator Kennedy fragte einen CIA-Vertreter direkt, ob die Agency Häuser der Prostitution betrieben habe. Die Antwort? Sinngemäß: „Wir unterhielten Beobachtungsposten, die verschiedene Tarnungen nutzten.“ Kennedy hakte nach: „Das ist ein Ja?“ Der CIA-Mann: „Die Natur der Operation erforderte realistische Rahmenbedingungen.“
Ich meine, das muss man sich mal vorstellen. Da sitzt ein Geheimdienstler vor dem US-Senat und weigert sich, das Wort „Bordell“ in den Mund zu nehmen, obwohl jeder im Raum genau weiß, wovon die Rede ist. Das sagt viel über die Kultur innerhalb der CIA aus – selbst wenn die Wahrheit schon raus ist, wird noch um jedes Wort gerungen.
Sidney Gottlieb selbst wurde ebenfalls vor den Senat geladen. Zusammen mit Robert Lashbrook und dem CIA-Mitarbeiter Pasternak sowie dem ehemaligen Georgetown-Professor Charles Geschickter. Und jetzt kommt der Clou: Alle vier entschieden sich unabhängig voneinander, die Aussage zu verweigern. Einfach so. Sie kamen einfach nicht. Es brauchte erheblichen Druck, um überhaupt Teilaussagen zu bekommen – und selbst die waren lückenhaft und widersprüchlich.
Im Gefolge dieser Untersuchungen unterzeichnete Ford 1976 eine Executive Order, die Drogenexperimente an Menschen ohne deren schriftliche und bezeugte Einwilligung ausdrücklich verbot. Ein wichtiger Schritt, keine Frage. Aber auch einer, der zeigt, dass so etwas offenbar vorher nicht ausreichend verboten war – oder zumindest nicht durchgesetzt wurde. Zur Erinnerung: Präsident Truman hatte der CIA bereits 1947 untersagt, US-Bürger auszuspionieren. Das hatte die Agency nicht sonderlich beeindruckt.
Und dann kam 1977, und das war vielleicht der wichtigste Moment in der ganzen Aufklärungsgeschichte. John K. Vance, ein Mitarbeiter des CIA-Generalinspektors, führte eine Routineprüfung der Abteilung Technical Services durch. Und dabei stieß er auf etwas, das eigentlich nicht mehr existieren sollte: überlebende MKUltra-Dokumente. Sieben Kisten mit Finanzunterlagen, die bei der großen Aktenvernichtung von 1973 übersehen worden waren. Vermutlich weil sie in einem Archiv der Budgetabteilung lagen und nicht dort, wo Helms sie vermutet hatte.
Diese sieben Kisten veränderten alles. Sie enthielten zwar keine detaillierten Versuchsprotokolle – die waren tatsächlich vernichtet worden – aber Quittungen, Rechnungen und Finanzflüsse, die das Ausmaß des Programms belegten. Darunter auch Belege über 2.000 Dollar in 100-Dollar-Scheinen, die an Personen verteilt wurden die in Operation Midnight Climax involviert waren. Zusätzlich tauchten durch FOIA-Anfragen – also Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz – weitere Dokumente auf, die das Puzzle ergänzten.
All diese Enthüllungen führten 1977 zu einer weiteren Senatsanhörung, diesmal speziell zu MKUltra. Pasternak sagte aus, aber die Informationen die von ihm und anderen kamen, wurden als nicht besonders zuverlässig eingestuft. Das Ergebnis war frustrierend: Viel Empörung, aber wenig Konsequenzen.
Und damit kommen wir zum vielleicht bittersten Punkt der ganzen Geschichte: Kein einziger CIA-Beamter wurde jemals strafrechtlich für Operation Midnight Climax oder MKUltra verfolgt. Nicht Gottlieb, nicht Helms, nicht White, nicht Lashbrook. Niemand. Gottlieb handelte einen Deal aus, der ihn vor Strafverfolgung schützte. Helms bekam eine symbolische Geldstrafe wegen Falschaussage vor dem Kongress – er hatte behauptet, die CIA habe nie versucht, chilenische Wahlen zu beeinflussen. Die MKUltra-Verbrechen? Blieben im Grunde ungesühnt.
Einige Opfer und deren Familien klagten später zivilrechtlich gegen die CIA. Die Familie von Frank Olson bekam eine Entschädigung. Einige kanadische Opfer von Ewen Cameron erhielten Zahlungen. 2009 verklagten Vietnam-Veteranen die Regierung, weil mindestens 7.800 Soldaten unwissentlich mit bis zu 400 verschiedenen Substanzen behandelt worden sein sollen. Aber von strafrechtlicher Gerechtigkeit? Keine Spur.
Wenn mich bei der Recherche zu diesem Thema eines wirklich wütend macht, dann ist es das. Nicht nur dass diese Verbrechen begangen wurden – sondern dass am Ende niemand dafür bezahlen musste. Das System schützte seine eigenen Leute. Und die Akten, die das volle Ausmaß hätten beweisen können? Die waren ja schon vernichtet.
Ethische Bewertung und Verstöße gegen den Nürnberger Kodex
Es gibt Momente bei der Recherche zu einem Thema, wo man das Gefühl hat, in einen Abgrund zu schauen. Bei Operation Midnight Climax hatte ich dieses Gefühl nicht nur einmal – sondern immer wieder. Aber am stärksten war es, als ich anfing, die ethische Dimension wirklich durchzudenken. Nicht abstrakt, nicht als Geschichtsstoff. Sondern ganz konkret: Was wurde hier eigentlich verletzt? Welche Regeln, welche Gesetze, welche grundlegenden Prinzipien der Menschlichkeit?
Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: dem Nürnberger Kodex. Der wurde 1947 verabschiedet, direkt nach den Nürnberger Prozessen gegen Nazi-Ärzte, die grauenhafte Menschenversuche in Konzentrationslagern durchgeführt hatten. Der Kodex legt zehn Grundsätze für medizinische Experimente an Menschen fest, und der allererste – der wichtigste – lautet sinngemäß: Die freiwillige Einwilligung der Versuchsperson ist absolut erforderlich. Absolut. Nicht „meistens“ oder „wenn möglich“. Absolut.
Operation Midnight Climax hat gegen diesen Grundsatz nicht nur verstoßen – sie hat ihn mit Anlauf und voller Absicht ignoriert. Das gesamte Konzept der Operation basierte darauf, dass die Versuchspersonen nichts von ihrer Teilnahme wussten. Kein informed consent, keine Aufklärung, keine Möglichkeit zur Ablehnung. Die Männer in den Safehouses dachten, sie hätten einen netten Abend. Stattdessen wurden sie heimlich mit LSD und anderen psychoaktiven Substanzen drogiert.
Und der Nürnberger Kodex war nicht das einzige Regelwerk, das mit Füßen getreten wurde. Da war auch der Hippokratische Eid – „Erstens, schade nicht“ – der von jedem Arzt geschworen wird. Mehrere der an MKUltra beteiligten Forscher waren Mediziner. Ewen Cameron war Psychiater. Harris Isbell leitete ein Behandlungszentrum. Diese Männer hatten geschworen, ihren Patienten nicht zu schaden. Und dann verabreichten sie ihnen ohne deren Wissen experimentelle Drogen.
Dann die US-Verfassung. Der vierte Zusatzartikel schützt Bürger vor willkürlichen Durchsuchungen und Beschlagnahmen. Man könnte argumentieren – und Juristen haben das getan – dass das heimliche Verabreichen von Drogen eine Form der Körperverletzung darstellt, die weit über eine illegale Durchsuchung hinausgeht. Und die UN-Menschenrechtserklärung von 1948? Artikel 5: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Man muss kein Jurist sein, um zu erkennen dass heimliche Drogenexperimente unter diese Kategorie fallen.
Was es noch schlimmer macht: Präsident Truman hatte der CIA bereits 1947 – im Gründungsjahr der Agency – ausdrücklich verboten, auf amerikanischem Boden gegen amerikanische Bürger zu operieren. Die Angst vor politischem Missbrauch war schon damals real. Und trotzdem machte die CIA genau das – jahrelang, systematisch und mit vollem Bewusstsein dafür, dass es illegal war. In einem internen CIA-Dokument von 1957 steht es schwarz auf weiß: Man müsse Vorkehrungen treffen, um diese Aktivitäten nicht nur vor dem Feind, sondern auch vor der amerikanischen Öffentlichkeit zu verbergen.
Jetzt mal zu den Opfern selbst, und hier wird die Sache nochmal eine Stufe dunkler. Es waren nicht einfach nur zufällige Barbesucher in San Francisco, die in den Safehouses landeten. Im breiteren MKUltra-Kontext reichte die Liste der Versuchspersonen viel weiter. Unwissende Zivilisten, klar. Aber auch Kriegsgefangene, die keine Rechte hatten sich zu wehren. Psychisch Kranke in Einrichtungen wie dem Allan Memorial Institute in Montreal. Suchtkranke im Addiction Research Center in Lexington, viele davon arm und afroamerikanisch. Geistig Behinderte, die nicht in der Lage waren, zu verstehen was mit ihnen geschah. Und ja – sogar Kinder. Sidney Gottlieb schreckte vor nichts zurück.
Und dann sind da noch die Prostituierten. Über deren Rolle wird selten gesprochen, aber sie verdient Aufmerksamkeit. Ja, sie standen auf der CIA-Gehaltsliste. Aber wie freiwillig war ihre Beteiligung wirklich? Wussten sie genau, was in den Drinks war? Verstanden sie die Risiken? Oder waren sie selbst in gewisser Weise Opfer eines Systems, das sie als Werkzeuge benutzte und dann vergaß? In den offiziellen Dokumenten tauchen sie kaum auf – sie waren Mittel zum Zweck, keine Menschen mit eigenen Rechten.
Dann ist da die Frage nach George Whites Motiven, und die ist komplizierter als man denkt. Es gibt im Grunde zwei Lager. Die einen sagen: White war ein Patriot, der glaubte, seine Arbeit diene der nationalen Sicherheit. Hart, aber im Kontext des Kalten Krieges nachvollziehbar. Die anderen sagen: Der Typ war ein Voyeur, der eine staatliche Deckung für seine persönlichen Neigungen gefunden hatte. Sein eigenes Zitat – „es war Spaß, Spaß, Spaß“ – spricht eher für die zweite Interpretation. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, was es nicht besser macht.
Und dann das Detail, das mich am nachhaltigsten verstört hat bei der ganzen Recherche: die Spesenberichte. In den freigegebenen Dokumenten finden sich George Whites monatliche Abrechnungen. Ganz normale Formulare. Und darin: Posten für LSD, für Prostituierte, für die Ausstattung der Safehouses. Ordentlich aufgelistet, bürokratisch korrekt eingereicht und abgezeichnet. Als wäre es das Normalste der Welt.
Das ist es, was die Philosophin Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“ genannt hat. Nicht das große, dramatische Verbrechen, sondern die alltägliche Routine, mit der Ungeheuerliches verwaltet wird. Wenn ein Mann eine Spesenabrechnung für LSD und Sexarbeiterinnen einreicht wie andere ihre Reisekostenabrechnungen – und wenn diese Abrechnung von einem Vorgesetzten abgenickt wird – dann ist das System selbst das Problem, nicht nur der einzelne Mensch.
Einer der Berichte enthielt eine Bemerkung, die Budgetüberschreitungen rechtfertigte. Sinngemäß stand da: „Die einzigartige Natur dieser Operation erfordert Flexibilität bei den Abrechnungsverfahren.“ Das ist Behördensprache für: „Wir können schlecht Quittungen für LSD und Prostituierte einreichen.“ Und genau diese Mischung aus Absurdität und Horror macht Operation Midnight Climax so einzigartig in der Geschichte staatlichen Machtmissbrauchs.
Am Ende muss man festhalten: Alles, was in den Safehouses geschah, wäre nach den ethischen und rechtlichen Standards seiner eigenen Zeit illegal gewesen. Es war nicht so, dass es damals noch keine Regeln gab. Der Nürnberger Kodex existierte. Die Menschenrechtserklärung existierte. Die CIA wusste genau, dass sie gegen geltendes Recht verstieß – und machte trotzdem weiter. Das ist kein Unwissen. Das ist vorsätzliche Missachtung. Und das macht es umso unbegreiflicher, dass am Ende niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde.
Das Erbe von Operation Midnight Climax – Nachwirkungen bis heute
Wenn Leute mich fragen, warum ich mich so intensiv mit Themen wie Operation Midnight Climax beschäftige, dann sage ich immer: Weil es eben nicht nur Geschichte ist. Weil die Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Weil die Techniken, die Denkweisen und die Rechtfertigungen von damals nie wirklich verschwunden sind – sie haben sich nur verändert und angepasst.
Fangen wir mal mit dem direktesten Erbe an: den Verhörmethoden. Die Techniken, die in den CIA-Safehouses von San Francisco und New York entwickelt und erprobt wurden – die Kombination aus Drogen, psychologischer Manipulation, sensorischer Überlastung und sexueller Kompromittierung – verschwanden nicht einfach, als die Bordelle geschlossen wurden. Sie flossen in das ein, was Jahrzehnte später euphemistisch als „enhanced interrogation“ bezeichnet wurde. Verschärfte Verhörmethoden. Wenn man sich die Berichte über Abu Ghraib oder Guantanamo durchliest, erkennt man Muster, die erschreckend vertraut wirken. Sensorische Deprivation, Schlafentzug, die Ausnutzung sexueller Scham – das sind keine spontanen Erfindungen einzelner Soldaten gewesen. Das sind Methoden mit einer langen, dokumentierten Geschichte. Und diese Geschichte beginnt unter anderem in den Safehouses von Operation Midnight Climax.
Dann die rechtliche Dimension. Die Rechtfertigungen, die die CIA in den 1950er-Jahren für ihre Experimente konstruierte – nationale Sicherheit als Blankocheck, Geheimhaltung als Schutzschild gegen jede Kontrolle – finden erschreckende Echos in modernen Überwachungsprogrammen. Als Edward Snowden 2013 die Ausmaße der NSA-Überwachung enthüllte, klangen die Rechtfertigungen der Regierung verdammt ähnlich wie die der CIA sechzig Jahre zuvor. Die Argumentation ist im Kern dieselbe geblieben: Wir müssen das tun um euch zu schützen, und ihr dürft nicht wissen was wir tun, weil das die Sicherheit gefährden würde. Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster.
Aber es gibt auch ein Erbe von Midnight Climax, das niemand vorhergesehen hat – und das ist vielleicht die größte Ironie der ganzen Geschichte. Ken Kesey, der Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“, einem der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts, machte seine ersten LSD-Erfahrungen als freiwilliger Teilnehmer an MKUltra-Experimenten. Das war 1959, im VA Hospital in Menlo Park, Kalifornien. Kesey war damals ein junger Schriftsteller, der für 75 Dollar pro Sitzung an den Tests teilnahm.
Was dann passierte, hätte die CIA niemals gewollt. Kesey war so fasziniert von den Wirkungen von LSD, dass er die Droge in seinen Freundeskreis brachte. Er gründete die „Merry Pranksters“, organisierte die legendären „Acid Tests“ und wurde zu einer der zentralen Figuren der psychedelischen Szene San Franciscos. Kesey selbst hat seine Rolle in der Gegenkultur der 1960er-Jahre ausdrücklich auf seine Teilnahme an den MKUltra-Experimenten zurückgeführt.
Das ist eine dieser Geschichten, bei denen man nicht weiß ob man lachen oder weinen soll. Die CIA wollte LSD als Geheimwaffe zur Gedankenkontrolle nutzen. Stattdessen legte sie ungewollt den Grundstein für eine Bewegung, die genau das Establishment herausforderte das die Droge entwickelt hatte. Die Frage, inwieweit MKUltra tatsächlich zur Entstehung der Gegenkultur der 1960er-Jahre beigetragen hat, wird bis heute von Historikern diskutiert. Eine definitive Antwort gibt es nicht. Aber die Verbindungen sind da, und sie sind mehr als nur Zufall.
2009 gab es dann eine Entwicklung, die zeigte dass die Wunden von MKUltra noch lange nicht verheilt sind. Die Vietnam Veterans of America reichten vor dem Bundesgericht in San Francisco eine Klage gegen die US-Regierung ein. Der Vorwurf: Mindestens 7.800 Soldaten seien ohne ihr Wissen mit bis zu 400 verschiedenen Drogen und Chemikalien behandelt worden – darunter Sarin, Amphetamine, Barbiturate, Senfgas und natürlich LSD. Die Klage forderte kein Geld, sondern Transparenz. Die Veteranen wollten wissen, welche Substanzen ihnen verabreicht worden waren und welche gesundheitlichen Folgen das hatte. Außerdem wollten sie ein Urteil des Supreme Court aus dem Jahr 1950 kippen, das die Regierung faktisch vor Haftungsansprüchen schützte.
Mich hat dabei besonders die Geschichte eines Mannes berührt, der erst 1999 erfuhr was ihm angetan worden war. Er las einen Nachruf auf Sidney Gottlieb in einer Zeitung und erkannte plötzlich Details aus seiner eigenen Vergangenheit wieder. Jahrzehntelang hatte er mit unerklärlichen Symptomen gelebt, ohne zu wissen warum. Das muss man sich mal vorstellen – du lebst dein halbes Leben mit den Folgen eines Experiments, von dem du nichts weißt.
Und dann ist da natürlich die Pop-Kultur. Operation Midnight Climax und MKUltra haben mittlerweile einen festen Platz in der westlichen Populärkultur. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ basiert in weiten Teilen auf der MKUltra-Thematik – die Figur Eleven wurde in einem geheimen Regierungslabor Experimenten unterzogen, die direkt an Gottliebs Programme angelehnt sind. Errol Morris hat mit „Wormwood“ den Fall Frank Olson in einer faszinierenden Mischung aus Dokumentation und Spielfilm aufgearbeitet. Und Stephen Kinzers Buch „Poisoner in Chief“ aus dem Jahr 2019 gilt als die bisher umfassendste Biografie von Sidney Gottlieb.
Weitere Bücher wie John Marks‘ „The Search for the Manchurian Candidate“ – eines der ersten Werke, die MKUltra detailliert beschrieben – und Tom O’Neills „Chaos: Charles Manson, the CIA, and the Secret History of the Sixties“ halten das Thema in der öffentlichen Diskussion. Und dann gibt es da noch den iHeartRadio-Podcast „Operation Midnight Climax“, der die Geschichte speziell von George White erzählt und ziemlich in die Tiefe geht.
Aber vielleicht das beunruhigendste Erbe von allem: Die meisten MKUltra-Akten bleiben bis heute unter Verschluss. Was wir wissen, stammt aus den sieben Kisten, die bei der Aktenvernichtung 1973 übersehen wurden, aus FOIA-Anfragen und aus den Aussagen von Beteiligten und Opfern. Das ist ein Bruchteil. Was in den vernichteten Dokumenten stand – welche Experimente noch durchgeführt wurden, wie viele Menschen betroffen waren, welche Ergebnisse erzielt wurden – das wissen wir nicht. Und werden es wahrscheinlich nie erfahren.
Erst 2025 wurden die vollständigen Transkripte von Sidney Gottliebs geheimer Aussage vor dem Church Committee von 1975 durch das National Security Archive veröffentlicht – fünfzig Jahre nach der Anhörung. Fünfzig Jahre. Das zeigt, wie langsam die Deklassifizierung voranschreitet. Und es lässt erahnen, wie viel noch im Verborgenen liegt.
Wenn man alles zusammennimmt, ist das Erbe von Operation Midnight Climax weit mehr als ein historisches Kuriosum. Es ist eine Warnung. Eine Erinnerung daran, was passiert wenn staatliche Macht unkontrolliert bleibt, wenn Geheimhaltung über Rechenschaftspflicht gestellt wird und wenn die Angst vor einem äußeren Feind zur Rechtfertigung für innere Verbrechen wird. Und solange die vollständigen Akten unter Verschluss bleiben, ist diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt.
Fazit
Operation Midnight Climax steht wie kaum ein anderes Programm für die dunkle Seite staatlicher Macht. Was in den geheimen CIA-Bordellen von San Francisco und New York geschah, war kein Einzelfall eines durchgedrehten Agenten – es war ein systematisches, von höchster Stelle genehmigtes Programm, das grundlegende Menschenrechte mit Füßen trat.
Sidney Gottlieb, der „Schwarze Hexer“, träumte von der perfekten Gedankenkontrolle. George White, sein Mann vor Ort, verwandelte diesen Traum in einen Albtraum für unzählige ahnungslose Opfer. Und das Erschreckendste? Jahrzehntelang wusste niemand davon. Die Akten wurden vernichtet, die Verantwortlichen nie bestraft.
Die Geschichte von Operation Midnight Climax ist eine Mahnung: Auch in Demokratien kann staatliche Macht missbraucht werden – wenn Geheimhaltung und Angst die Kontrolle übernehmen.
Was denkst du über Operation Midnight Climax? Schreib es mir in die Kommentare! Und wenn du mehr über die dunklen Kapitel der Geheimdienstgeschichte erfahren willst, schau dir meine weiteren Artikel auf true-case.de an.