Thule Gesellschaft

Die Thule-Gesellschaft: Der mystische Orden hinter dem Aufstieg der NSDAP

München, August 1918. Während der Erste Weltkrieg in seinen letzten Zügen liegt, gründet ein selbsternannter Baron in den prunkvollen Räumen des Hotels Vier Jahreszeiten einen Geheimbund – die Thule Gesellschaft. Was nach außen wie eine harmlose Studiengruppe für germanisches Altertum wirkt, ist in Wahrheit eine radikale politische Kampforganisation.

Aus ihren Reihen gehen später einige der mächtigsten Männer des Dritten Reiches hervor. Ihr Presseorgan wird zum Völkischen Beobachter. Und ihr Symbol – das Hakenkreuz – wird zum Zeichen des Schreckens.

Doch war die Thule-Gesellschaft wirklich der okkulte Drahtzieher hinter Hitlers Aufstieg, wie Verschwörungstheoretiker behaupten? Oder war sie schlicht ein politischer Geheimbund in einer chaotischen Zeit? In diesem Artikel nehme ich dich mit auf eine Reise in die dunklen Anfänge des Nationalsozialismus – und trenne Fakten von Fiktion.

Was war die Thule-Gesellschaft? – Ein Überblick

Wenn man sich mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte beschäftigt, stolpert man irgendwann zwangsläufig über einen Namen: die Thule-Gesellschaft. Ich muss ehrlich zugeben, als ich das erste Mal davon gehört hab, dachte ich sofort an irgendeine esoterische Spinnerei. So ein Geheimbund mit Kerzen und Roben, du weißt schon. Aber die Realität ist – wie so oft – deutlich nüchterner und gleichzeitig viel erschreckender.

Die Thule-Gesellschaft wurde am 17. und 18. August 1918 in München gegründet. Also noch während der Erste Weltkrieg tobte. Ihr Gründer war ein gewisser Rudolf von Sebottendorf – ein Typ, über den ich gleich noch ausführlicher reden werde, weil seine Geschichte allein schon völlig irre ist.

Der offizielle Name lautete „Thule Gesellschaft, Orden für deutsche Art“. Klingt erstmal nach einem harmlosen Kulturverein, oder? Genau das war auch die Absicht. Denn in Wahrheit war die Thule-Gesellschaft eine Tarnorganisation des sogenannten Germanenordens, der bereits 1912 in Leipzig gegründet worden war. Der Germanenorden war ein antisemitischer Geheimbund, der sich an der Struktur der Freimaurerlogen orientierte – aber inhaltlich quasi das komplette Gegenteil vertrat. Der Name „Thule“ – benannt nach einer sagenhaften Insel im hohen Norden aus der griechischen Mythologie – diente dabei als Deckmantel, damit niemand auf den Germanenorden im Hintergrund aufmerksam wurde.

Was mich bei meiner Recherche echt umgehauen hat: Der Sitz der Gesellschaft befand sich im Münchner Luxushotel „Vier Jahreszeiten“. Stell dir das mal vor. Da sitzen Leute in einem der nobelsten Hotels der Stadt, betreten die Räume durch einen Seiteneingang an der Marstallstraße, und planen im Hintergrund den Umsturz der bestehenden Ordnung. In diesen Räumen hatte Sebottendorf nicht nur den Versammlungsort der Gesellschaft untergebracht, sondern auch die Redaktion ihrer Zeitung – dem Münchener Beobachter. Ein antisemitisches Hetzblatt, das später unter neuem Namen traurige Berühmtheit erlangen sollte.

In ihrer Hochphase im Winter 1918/19 hatte die Thule-Gesellschaft rund 1.500 Mitglieder, davon etwa 250 direkt in München. Die Mitglieder waren überwiegend Akademiker, Aristokraten und Geschäftsleute. Also keine Randgestalten, sondern Leute mit Geld, Einfluss und gesellschaftlicher Stellung. Wer beitreten wollte, musste seine „germanische“ Abstammung nachweisen – quasi ein Ariernachweis, Jahre bevor die Nazis diesen Begriff zum Gesetz machten.

Die Ausrichtung der Thule-Gesellschaft war eindeutig: völkisch-antisemitisch bis ins Mark. Ihr erklärtes Ziel war die Errichtung einer Diktatur und die Vertreibung aller Juden aus Deutschland. Man bezeichnete „den“ Juden offen als „Todfeind des deutschen Volkes“ und nutzte die wirren, chaotischen Zustände der Nachkriegszeit als angebliche Beweise für eine „jüdische Weltverschwörung“. Das war keine subtile Andeutung – das war offener, aggressiver Hass, verpackt in die Sprache eines scheinbar intellektuellen Zirkels.

Als Emblem wählte die Gesellschaft ein Hakenkreuz mit einem senkrecht stehenden Schwert dahinter. Ihr Gruß lautete „Sieg und Heil“. Wenn dir das bekannt vorkommt – ja, genau. Diese Symbole und Formeln tauchen wenige Jahre später in leicht abgewandelter Form bei der NSDAP wieder auf. Und das ist kein Zufall.

Was viele nicht wissen: Die Thule-Gesellschaft hatte keine besonders lange Lebensdauer. Nach 1919 verlor sie rapide an Bedeutung, weil viele ihrer Ziele – und vor allem ihre Mitglieder – in neue politische Strukturen übergingen. 1925 wurde sie aufgelöst, 1932 schließlich aus dem Vereinsregister gelöscht. Insgesamt existierte sie also nur rund sieben Jahre. Aber was in diesen sieben Jahren passiert ist, hat die deutsche Geschichte für immer verändert.

Ich hab lange überlegt, wie ich es am besten beschreiben soll. Die Thule-Gesellschaft war sowas wie der Nährboden, auf dem etwas Furchtbares gewachsen ist. Sie war nicht die NSDAP. Sie war nicht das Dritte Reich. Aber ohne sie hätte vieles anders laufen können. Die personellen Verbindungen, die Symbole, die Zeitung – all das wurde direkt weitergereicht. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Rudolf von Sebottendorf – Der geheimnisvolle Gründer

Jeder gute Geheimbund braucht einen charismatischen Anführer. Und bei der Thule-Gesellschaft war das ein Mann, dessen Lebensgeschichte sich liest wie ein schlechter Abenteuerroman. Nur dass sie wahr ist – zumindest größtenteils.

Denn bei Rudolf von Sebottendorf muss man erstmal klären, wer er überhaupt wirklich war. Sein richtiger Name lautete nämlich Adam Alfred Rudolf Glauer. Geboren am 9. November 1875 in Hoyerswerda, als Sohn eines Lokomotivführers. Kein Adelstitel, kein „von“, kein Baron – nichts davon. Der Typ hat sich seinen kompletten Namen und seine Identität quasi selbst zusammengebastelt.

Nach dem Abitur ging Glauer nach Berlin, um an der Technischen Hochschule Ingenieurwissenschaften zu studieren. Hat er aber abgebrochen. Stattdessen zog es ihn zur See und schließlich ins Osmanische Reich, wo er mehrere Jahre verbrachte. Und genau dort passierte etwas, das sein weiteres Leben komplett prägen sollte. In der Türkei kam er mit Okkultismus und Esoterik in Berührung – mit sufischen Praktiken, mit Alchemie, mit mystischen Traditionen, die er später in sein völkisches Weltbild einfließen ließ.

Irgendwann in dieser Zeit behauptete er, von einem Baron von Sebottendorf adoptiert worden zu sein. Praktisch, oder? Plötzlich hatte der Lokführersohn einen Adelstitel. Das Problem: Im Geburtsregister von Hoyerswerda findet sich kein einziger Vermerk über eine Adoption. Historiker gehen heute davon aus, dass die ganze Geschichte frei erfunden war. Aber hey, es hat funktioniert – der neue „Rudolf von Sebottendorf“ kehrte 1913 nach Deutschland zurück und hatte inzwischen auch noch reich geheiratet. Woher genau das Geld kam, ist bis heute nicht vollständig geklärt.

1916 stieß er zum Germanenorden, diesem antisemitischen Netzwerk, das sich an freimaurerischen Strukturen orientierte. Und hier zeigte Sebottendorf zum ersten Mal, was er wirklich konnte: organisieren, rekrutieren, Leute begeistern. Mit viel Geld aus unbekannten Quellen baute er den bayerischen Zweig des Ordens praktisch im Alleingang auf. Er sammelte die verbliebenen Mitglieder in München, nutzte einen okkultistischen Rahmen und altgermanische Symbolik als Köder – und gründete im August 1918 die Thule-Gesellschaft als öffentliches Aushängeschild.

Was mich an diesem Mann fasziniert und gleichzeitig beunruhigt: Er war ein Hochstapler, klar. Aber ein verdammt effektiver. Er wusste genau, welche Knöpfe er drücken musste. Der okkultistische Anstrich lockte die Neugierigen an, die antisemitische Ideologie hielt sie zusammen, und die Logenstruktur gab dem Ganzen einen exklusiven, geheimnisvollen Charakter. Ein Rezept, das erschreckend gut funktioniert hat.

Nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik und dem rasanten Aufstieg der NSDAP wurde es allerdings still um Sebottendorf. Er verließ die Thule-Gesellschaft und ging ins Ausland. Doch 1933, als Hitler an die Macht kam, witterte er seine Chance. Er kehrte nach Deutschland zurück und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Bevor Hitler kam“. Darin versuchte er, die Thule-Gesellschaft als alleinige Wegbereiterin des Nationalsozialismus darzustellen – und sich selbst natürlich als den Mann im Hintergrund, ohne den es Hitler nie gegeben hätte.

Das kam bei den neuen Machthabern gar nicht gut an. Überhaupt nicht. Hitler hatte für völkische Esoterik und sogenannte „Germanentümelei“ wenig übrig, und ein Buch, das ihm quasi die Eigenständigkeit absprach, war das Letzte, was er gebrauchen konnte. „Bevor Hitler kam“ wurde beschlagnahmt, Sebottendorf geriet unter Druck und verschwand erneut ins Ausland.

Sein Ende ist genauso mysteriös wie sein ganzes Leben. Am 8. Mai 1945 – ausgerechnet am Tag der deutschen Kapitulation – starb Rudolf von Sebottendorf in Istanbul. Die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt. Manche Quellen sprechen von Suizid, er soll sich im Bosporus ertränkt haben. Andere halten das für ungesichert. Eine abschließende Klärung gibt es nicht.

Wenn ich ehrlich bin, ist Sebottendorf für mich eine der faszinierendsten und gleichzeitig abstoßendsten Figuren dieser ganzen Geschichte. Ein Hochstapler mit erfundenem Adelstitel, der eine Organisation aufbaute, aus deren Umfeld einige der gefährlichsten Männer des 20. Jahrhunderts hervorgingen. Manchmal denk ich mir: Hätte dieser eine Typ in der Türkei einfach seinen Tee getrunken und seine Esoterikbücher gelesen, statt nach München zurückzukehren – wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre.

Die Ideologie der Thule-Gesellschaft – Antisemitismus und Rassenwahn

Ich warne dich vor: Dieser Abschnitt ist schwer zu verdauen. Nicht weil er kompliziert ist, sondern weil die Ideologie hinter der Thule-Gesellschaft so abgrundtief menschenverachtend war, dass es einem beim Recherchieren manchmal den Magen umdreht. Aber genau deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen.

Um die Ideologie der Thule-Gesellschaft zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen – zum Germanenorden. Der wurde 1912 in Leipzig gegründet und war von Anfang an ein antisemitisches Projekt. In einem Manifest von 1912 forderte der Orden eine „arisch-germanische religiöse Wiedergeburt“. Was sich da noch halbwegs abstrakt anhört, wurde schnell konkret: Man wollte eine rassisch „reine“ deutsche Nation. Juden, sogenannte „Mischlinge“ und Roma sollten deportiert werden. Das war 1912. Über zwanzig Jahre bevor die Nazis genau das in die Tat umsetzten.

Die Thule-Gesellschaft übernahm dieses Gedankengut eins zu eins. Und sie machte kein Geheimnis daraus – zumindest nicht intern. In ihrer Propaganda wurde „der“ Jude offen als „Todfeind des deutschen Volkes“ bezeichnet. Die chaotischen Zustände nach dem Ersten Weltkrieg, die Revolution, die Räterepublik in München – all das wurde als angeblicher Beweis für eine „jüdische Weltverschwörung“ instrumentalisiert. Dass Kurt Eisner, der den Freistaat Bayern ausgerufen hatte, jüdischer Herkunft war, goss nur noch mehr Öl ins Feuer.

Das erklärte Ziel der Thule-Gesellschaft? Die Errichtung einer Diktatur und die Vertreibung aller Juden aus Deutschland. Punkt. Da gab es keinen Interpretationsspielraum, keine Grauzone. Das stand so im Programm.

Was mich beim Recherchieren besonders erschüttert hat, waren die Aufnahmebedingungen. Wer Mitglied der Thule-Gesellschaft werden wollte, musste eine „tadellose germanische Abstammung“ nachweisen. Und es ging noch weiter: Körperliche Behinderungen waren ein Ausschlussgrund. Man sollte idealerweise blondes Haar und blaue Augen haben. Das klingt wie eine Karikatur, wie eine überspitzte Darstellung aus einem Geschichtsbuch – aber genau so war es. Der Rassenwahn war keine Nebensache, er war der Kern des Ganzen.

Jetzt wird es nochmal eine Spur komplizierter, aber bleib dran. Neben dem offenen Antisemitismus gab es in der Thule-Gesellschaft auch eine esoterisch-mystische Ebene. Sebottendorf versuchte, sogenannte ariosophische Lehren in der Gesellschaft zu verankern. Ariosophie – das war im Grunde eine krude Mischung aus Rassenlehre, Esoterik und germanischer Mythologie. Er ließ diese Ideen in seine Reden einfließen und richtete Studienkreise ein, die sich mit Themen wie nordischer Kultur, Runen-Symbolik und Heraldik beschäftigten.

Ein Name taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: Guido von List. Der österreichische Okkultist hatte Ende des 19. Jahrhunderts ein ganzes System entwickelt, das er „Armanentum“ nannte. Lists Ideen waren eine wilde Mischung aus erfundener germanischer Urgeschichte, Runen-Mystik und rassistischer Ideologie. Er behauptete, die alten Germanen hätten über ein geheimes Wissen verfügt, das nur den „Eingeweihten“ zugänglich sei. Und genau diese Vorstellungen fanden ihren Weg in die Thule-Gesellschaft.

Ich muss hier aber etwas klarstellen, weil das oft durcheinandergebracht wird. Die Geschichtswissenschaft ist sich weitgehend einig: Trotz all der esoterischen Verbrämung war die Thule-Gesellschaft in erster Linie eine politische Kampforganisation. Die Runen-Mystik und der okkulte Anstrich waren mehr Deko als Inhalt. Echte okkulte oder esoterische Rituale wurden dort nach aktuellem Forschungsstand nicht praktiziert. Sebottendorf nutzte die Esoterik vor allem als Lockmittel und als ideologischen Kitt – der wahre Kern war und blieb der Antisemitismus und das politische Ziel einer völkischen Diktatur.

Das ist übrigens ein Punkt, über den ich lange nachgedacht hab. Wie gefährlich diese Mischung aus Pseudowissenschaft, Mystik und blankem Hass sein kann. Die Esoterik gab dem Ganzen einen Hauch von Tiefe und Geheimnis, der einfacher Antisemitismus allein nicht gehabt hätte. Sie machte die Ideologie attraktiver, exklusiver, faszinierender. Und genau das machte sie so wirksam – und so gefährlich.

Der Kampfbund Thule – Revolution und Gegenrevolution in München

Um zu verstehen, was die Thule-Gesellschaft wirklich angerichtet hat, muss man sich die Lage in München Ende 1918 vor Augen führen. Und glaub mir, was damals in Bayern abging, war pures Chaos. Die Monarchie war am Ende, der Kaiser hatte abgedankt, und überall im Land brach Revolution aus. In München rief am 8. November 1918 der Sozialist Kurt Eisner den Freien Volksstaat Bayern aus. Der bayerische König Ludwig III. – einfach weg. Abgesetzt. Von einem Tag auf den anderen.

Für die Thule-Gesellschaft war das der Albtraum schlechthin. Eisner war Sozialist, er war Pazifist, und er war jüdischer Herkunft. In den Augen der Thule-Leute vereinte er damit alles, was sie hassten, in einer einzigen Person. Seine Gegner diffamierten ihn als Landesverräter und als angeblich „aus Galizien zugewanderten Juden“ – obwohl er in Berlin geboren war. Fakten spielten keine Rolle mehr. Es ging nur noch um Hass und Propaganda.

Und hier wurde die Thule-Gesellschaft vom Debattierclub zur Kampforganisation. Unter dem Dach des Geheimbundes gründete man den sogenannten Kampfbund Thule – den militärischen Arm der Gesellschaft. Das war kein symbolischer Akt. Diese Leute haben ernsthaft angefangen, einen Umsturz zu planen.

Schon im Dezember 1918 war der Kampfbund an den Vorbereitungen für einen Staatsstreich beteiligt. Es gab sogar einen konkreten Versuch, Ministerpräsident Eisner zu entführen. Kein Witz. Die haben versucht, den demokratisch gewählten Regierungschef aus dem Amt zu kidnappen. Der Plan scheiterte, aber allein die Tatsache, dass er existierte, zeigt dir, wie radikal diese Organisation innerhalb weniger Monate geworden war.

Dann kam der 21. Februar 1919 – und ein Ereignis, das alles veränderte. Kurt Eisner wurde auf offener Straße erschossen. Der Mörder war Anton Graf von Arco auf Valley, ein junger Nationalist. Und jetzt kommt der Punkt, der mir beim Recherchieren echt Gänsehaut bereitet hat: Arco war zeitweilig Mitglied der Thule-Gesellschaft gewesen. Er wurde allerdings ausgeschlossen – wegen seiner halbjüdischen Mutter. Ausgerechnet. Und offenbar wollte er durch den Mord an Eisner beweisen, dass er trotzdem ein „wahrer Nationalist“ war. Die Thule-Gesellschaft war also indirekt an dem Attentat beteiligt, auch wenn sie den Mord nicht direkt geplant hatte.

Nach Eisners Ermordung eskalierte die Situation in München komplett. Erst wurde eine anarchistische Räterepublik ausgerufen, kurz darauf eine kommunistische. Für die Thule-Gesellschaft wurde es jetzt richtig gefährlich – aber gleichzeitig auch richtig aktiv. Die Thule-Leute unterwanderten die Münchner Rote Armee und die Kommunistische Partei. Sie fälschten Ausweise und Fahrscheine, verübten Sabotageakte und schleusten Kämpfer zu den Freikorps, die außerhalb Münchens stationiert waren. Der Thule-Vorsitzende Friedrich Knauf war Bahninspektor und konnte den Agenten gefälschte Eisenbahnausweise besorgen. Ziemlich clever, muss man zugeben – auch wenn es für eine furchtbare Sache war.

Und dann kam der 30. April 1919. Ein Tag, der in die Geschichte eingehen sollte als der sogenannte „Geiselmord“. Angehörige der Roten Armee erschossen im Hof des Luitpold-Gymnasiums zehn Gefangene – darunter sieben Mitglieder der Thule-Gesellschaft. Es war ein brutaler Akt, und die Betriebs- und Soldatenräte distanzierten sich bereits am nächsten Tag öffentlich davon.

Aber für die rechte Propaganda war es ein Geschenk. Das Schreckbild des „Geiselmords“ wurde unablässig für antirepublikanische Agitation benutzt. Sebottendorf selbst schrieb Jahre später, diese sieben Thule-Mitglieder seien nicht als Geiseln gestorben – sie seien „für das Hakenkreuz“ gestorben. Eine zynische Umdeutung, die den Tod dieser Menschen politisch instrumentalisierte.

Kurz nach dem sogenannten Geiselmord marschieren Freikorps und Reichswehrtruppen in München ein und schlagen die Räterepublik blutig nieder. Der Kampfbund Thule war aktiv an der Niederschlagung beteiligt. Es war das Ende der Revolution in Bayern – und der Anfang von etwas noch viel Dunkleren.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann war es diese Phase in München, die die Thule-Gesellschaft von einem ideologischen Geheimbund zu einem realen politischen Akteur machte. Hier wurde nicht mehr nur geredet und gehetzt. Hier wurden Waffen besorgt, Spione eingeschleust und Menschen getötet. Und aus genau diesem Umfeld – aus diesem Netzwerk von Gewalt, Hass und politischer Radikalisierung – entstand wenig später die Partei, die Deutschland und die Welt in den Abgrund reißen sollte.

Von der Thule-Gesellschaft zur NSDAP – Die Verbindungslinien

Okay, jetzt kommen wir zu dem Teil, über den am meisten diskutiert und gestritten wird. Die Frage, die sich jeder stellt, der sich mit der Thule-Gesellschaft beschäftigt: Wie eng war die Verbindung zur NSDAP wirklich? War die Thule-Gesellschaft die Wiege des Nationalsozialismus – oder wird da maßlos übertrieben?

Ich sag dir gleich vorweg: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Und sie ist komplizierter als die meisten denken.

Fangen wir mit den harten Fakten an. Im Januar 1919 – die Thule-Gesellschaft existierte gerade mal seit ein paar Monaten – gründete der Thule-Aktivist Karl Harrer zusammen mit Anton Drexler die Deutsche Arbeiterpartei, kurz DAP. Beide waren Thule-Mitglieder. Harrer war ein Sportjournalist, der für den Münchener Beobachter schrieb, das Presseorgan der Thule-Gesellschaft. Drexler war Werkzeugschlosser und ebenfalls tief in der völkischen Szene verwurzelt. Die DAP war im Grunde ein direktes Produkt des Thule-Netzwerks.

Im September 1919 trat dann ein gewisser Adolf Hitler dieser kleinen Partei bei. Ursprünglich war er als V-Mann der Reichswehr hingeschickt worden, um die Versammlung zu beobachten. Stattdessen blieb er – und übernahm innerhalb kürzester Zeit das Ruder. Im Februar 1920 wurde die DAP in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt. NSDAP. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt.

Aber hier wird es interessant. Denn Harrer, der Thule-Mann an der Spitze der DAP, geriet schon früh mit Hitler aneinander. Harrer verließ die Partei, und damit endete im Grunde der direkte organisatorische Einfluss der Thule-Gesellschaft auf die NSDAP. Das ist ein wichtiger Punkt, den viele Verschwörungstheoretiker gerne übersehen.

Was allerdings blieb, waren die personellen Verbindungen. Und die hatten es in sich. Laut Hitler-Biograph Ian Kershaw liest sich die Mitgliederliste der Thule-Gesellschaft wie ein Who’s Who der frühen NS-Bewegung. Rudolf Heß, Alfred Rosenberg, Hans Frank, Gottfried Feder, Dietrich Eckart – sie alle tauchen in den Unterlagen der Thule-Gesellschaft auf.

Allerdings muss man hier genau hinschauen. Der Historiker Nicholas Goodrick-Clarke hat darauf hingewiesen, dass viele dieser Namen als „Gäste“ registriert waren, nicht als formelle Mitglieder. Feder, Eckart und Rosenberg waren wohl nie mehr als Besucher, denen die Thule-Gesellschaft während der turbulenten Revolutionszeit Gastfreundschaft gewährte. Bei Rudolf Heß und Hans Frank hingegen ist eine tatsächliche Mitgliedschaft nachgewiesen – allerdings bevor sie in der NSDAP zu Prominenz aufstiegen.

Ein Name verdient besondere Aufmerksamkeit: Dietrich Eckart. Der Mann war zwar formal wahrscheinlich kein Thule-Mitglied, hatte aber enge Kontakte zur Gesellschaft und hielt dort am 30. Mai 1919 einen wichtigen Vortrag. Und Eckart ist deshalb so bedeutsam, weil er zu Hitlers wichtigstem frühen Mentor wurde. Er führte den jungen Hitler in die „bessere Gesellschaft“ Münchens ein, machte ihn salonfähig. Eckart prägte 1919 den Begriff „Drittes Reich“ und bezeichnete Hitler im Dezember 1921 erstmals als „Führer“. Er verfasste das Sturmlied der SA und machte „Deutschland erwache!“ zum NS-Schlachtruf. Hitler widmete ihm später sogar den zweiten Band von Mein Kampf. Die Verbindung zwischen dem Thule-Umfeld und der NS-Spitze könnte also kaum enger sein.

Und dann ist da noch die Sache mit der Zeitung. Der Münchener Beobachter, das Presseorgan der Thule-Gesellschaft, wurde 1920 von der NSDAP übernommen und in Völkischer Beobachter umbenannt. Also das zentrale Propagandablatt der Nazis – es stammte direkt aus dem Besitz der Thule-Gesellschaft. Eckart wurde im August 1921 dessen Chefredakteur. Auch das Hakenkreuz als Symbol, das die Thule-Gesellschaft von Anfang an in ihrem Emblem trug, fand seinen Weg direkt in die Symbolik der NSDAP.

Aber – und das muss man genauso klar sagen – Hitler selbst war nie Mitglied der Thule-Gesellschaft. Dafür gibt es keine Belege. Johannes Herings Tagebuch, das die Versammlungen der Gesellschaft dokumentiert, enthält keinen einzigen Hinweis auf eine Teilnahme Hitlers. Und Hitler selbst hatte für völkische Esoterik und das, was er als „Germanentümelei“ abtat, wenig übrig. Er nutzte die Netzwerke, die Symbole und die Leute aus dem Thule-Umfeld – aber er war kein Insider.

Wenn ich das alles zusammenfasse, dann würde ich es so formulieren: Die Thule-Gesellschaft war nicht die Mutter der NSDAP. Aber sie war definitiv eine Art Geburtshelfer. Sie lieferte die Infrastruktur, die Zeitung, die Symbole und vor allem die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ohne die Thule-Gesellschaft hätte es die NSDAP vielleicht trotzdem gegeben – aber sie hätte anders ausgesehen und länger gebraucht.

Die Insel Thule – Mythos und Symbolik des Namens

Jetzt mal kurz weg von Politik und Gewalt – hin zu einer Frage, die mich persönlich total fasziniert hat, als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Woher kommt eigentlich der Name „Thule“? Und warum hat sich ausgerechnet ein antisemitischer Geheimbund im München der Nachkriegszeit danach benannt?

Die Antwort führt uns weit zurück. Richtig weit. Bis ins 4. Jahrhundert vor Christus.

Damals unternahm der griechische Entdecker Pytheas von Massalia – das heutige Marseille – eine Expedition in den hohen Norden Europas. Er segelte durch die Straße von Gibraltar, an der Küste Britanniens entlang und weiter nach Norden. Und irgendwo dort oben, so berichtete er nach seiner Rückkehr, habe er ein Land erreicht, das er „Thule“ nannte. Sechs Tage Segelfahrt nördlich von Britannien. Ein Land, in dem die Sonne im Sommer niemals untergeht und im Winter niemals aufgeht.

Was genau Pytheas gesehen hat, ist bis heute umstritten. Manche Historiker vermuten, er meinte Island. Andere sagen Norwegen, die Färöer-Inseln oder sogar Shetland. Eine endgültige Antwort gibt es nicht – und vielleicht macht genau das den Reiz aus. Thule wurde zum Synonym für das Unbekannte, das Unerreichbare, das Äußerste. Die Römer prägten später den Begriff „Ultima Thule“ – das letzte Thule, das Ende der bekannten Welt.

Und genau diese mystische Aufladung machte den Namen so attraktiv für völkische Kreise im frühen 20. Jahrhundert. Für die Anhänger der Ariosophie und der germanischen Mystik war Thule nicht einfach nur eine geografische Legende. Es war die Urheimat. Der Ursprungsort der sogenannten „arischen Rasse“. Ein verlorenes Paradies im Norden, aus dem die Germanen angeblich stammten, bevor sie in die Welt hinauszogen.

Das klingt erstmal wie Fantasy, ich weiß. Aber diese Vorstellungen wurden damals todernst genommen. Leute wie Guido von List und seine Anhänger konstruierten ein ganzes Weltbild darauf. Die Idee ging so: Irgendwann in grauer Vorzeit existierte im Norden eine hochentwickelte Zivilisation. Diese Ur-Arier waren den anderen Völkern in jeder Hinsicht überlegen. Durch Vermischung mit „minderwertigen Rassen“ ging dieses Wissen verloren. Und die Aufgabe der Gegenwart sei es, diese rassische Reinheit wiederherzustellen und das verlorene Wissen zurückzugewinnen.

Ja, das ist so absurd wie es klingt. Aber es war der ideologische Unterbau, auf dem die ganze völkische Bewegung aufgebaut war.

Für die Thule-Gesellschaft erfüllte der Name eine doppelte Funktion. Einerseits war er ein Tarnmantel. Wer von der „Thule-Gesellschaft“ hörte, dachte erstmal an einen Verein für nordische Kulturforschung oder germanisches Altertum. Harmlos. Akademisch. Langweilig vielleicht sogar. Genau so wollte man wahrgenommen werden, denn der Germanenorden im Hintergrund sollte nicht auffliegen. Die Gesellschaft wurde sogar offiziell als „Thule-Gesellschaft zur Erforschung deutscher Geschichte und Förderung deutscher Art“ ins Vereinsregister eingetragen. Klingt nach einem Heimatverein, oder?

Andererseits war „Thule“ für die Eingeweihten ein Codewort. Wer die Symbolik verstand, wusste sofort, worum es wirklich ging: um die Sehnsucht nach einer mythischen Vergangenheit, um rassische Reinheit und germanische Überlegenheit. Der Name sprach genau die Leute an, die man rekrutieren wollte – Leute, die in der nordischen Mythologie mehr sahen als alte Geschichten. Leute, die an eine „arische Urkultur“ glaubten und bereit waren, für diese Idee zu kämpfen.

Was mich daran bis heute fassungslos macht: Da nimmt jemand eine wunderschöne, uralte Legende – die Geschichte eines griechischen Entdeckers, der mutig in unbekannte Gewässer segelte – und verwandelt sie in ein rassistisches Konzept. Aus einer Geschichte über Neugier und Abenteuerlust wird ein ideologisches Werkzeug für Hass und Ausgrenzung. Der Name Thule, der eigentlich für die Grenzenlosigkeit menschlicher Entdeckungslust stehen könnte, wird zum Symbol für die engsten, giftigsten Grenzen, die Menschen je gezogen haben.

Und das Verrückte ist: Diese Umdeutung wirkt bis heute nach. Der Name „Thule“ taucht in rechtsextremen Kreisen immer noch auf. Das Thule-Seminar, das Thule-Netz – überall dort, wo völkische Esoterik auf politischen Extremismus trifft, wird der alte Mythos recycelt. Aber dazu komme ich später noch ausführlicher.

Verschwörungstheorien rund um die Thule-Gesellschaft – Fakten vs. Fiktion

So, jetzt kommen wir zu dem Abschnitt, auf den ich ehrlich gesagt am meisten gespannt war, als ich angefangen habe, mich in das Thema reinzugraben. Denn wenn es ein Thema gibt, das Verschwörungstheoretiker magisch anzieht, dann ist es die Thule-Gesellschaft. Geheimbund, Nazis, Okkultismus – das ist quasi der Jackpot für jeden, der gerne dunkle Zusammenhänge konstruiert.

Aber lass mich dir gleich vorweg sagen: Die meisten dieser Theorien halten einer ernsthaften Überprüfung nicht stand. Und trotzdem sind sie so weit verbreitet, dass man sie kennen sollte – schon allein, um Fakten von Fiktion unterscheiden zu können.

Alles begann 1960 mit einem Buch, das in Frankreich erschien. Louis Pauwels und Jacques Bergier veröffentlichten „Le matin des magiciens“ – auf Deutsch: „Aufbruch ins dritte Jahrtausend“. Darin behaupteten sie, dass Dietrich Eckart und der Geograph Karl Haushofer als Mitglieder der Thule-Gesellschaft in den frühen 1920er-Jahren okkultes Wissen an Hitler weitergegeben hätten. Die Thule-Gesellschaft sei der „magische Mittelpunkt der NS-Bewegung“ gewesen und im Geheimen die eigentlich lenkende Kraft des Dritten Reiches.

Klingt dramatisch, oder? Das Problem ist nur: Es stimmt so gut wie nichts davon. Für Karl Haushofer gibt es keinerlei Belege, dass er irgendetwas mit der Thule-Gesellschaft zu tun hatte. Sein Einfluss auf Hitler beschränkte sich nachweislich auf geopolitische Ideen, vor allem das Konzept vom „Lebensraum im Osten“. Und Eckart war, wie wir schon besprochen haben, wahrscheinlich nicht mal formelles Mitglied, sondern nur Gast. Die Geschichtswissenschaft stuft die Darstellungen von Pauwels und Bergier heute komplett als Fiktion ein.

Aber das Buch war unglaublich erfolgreich. Es wurde zum Bestseller und legte den Grundstein für eine ganze Industrie von Verschwörungsliteratur rund um die angeblichen okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus.

1972 kam dann ein Brite namens Trevor Ravenscroft und setzte noch einen drauf. In seinem Buch „The Spear of Destiny“ – „Der Speer des Schicksals“ – behauptete er, bei den Ritualen der Thule-Gesellschaft seien Juden und Kommunisten geopfert worden. Eckart und Haushofer hätten Hitler in satanistische Praktiken eingeweiht und ihn so zu einem Werkzeug des Bösen gemacht. Menschenopfer, Satanismus, dunkle Mächte – Ravenscroft hat wirklich die volle Packung abgeliefert.

Ich muss zugeben, als ich das zum ersten Mal gelesen hab, war mein erster Gedanke: Das kann doch nicht ernst gemeint sein. Und tatsächlich – es gibt für keine einzige dieser Behauptungen irgendeinen Beleg. Nicht einen. Die Geschichtswissenschaft ist sich einig: Die Thule-Gesellschaft war eine rein weltliche, politische Kampforganisation. Okkulte oder esoterische Rituale wurden dort nicht praktiziert.

Im deutschsprachigen Raum wurde der Thule-Mythos dann vor allem durch Jan Udo Holey, besser bekannt als Jan van Helsing, populär gemacht. In seinen Büchern über Geheimgesellschaften spielt die Thule-Gesellschaft eine zentrale Rolle – eingebettet in ein Netz aus globalen Verschwörungen, geheimen Mächten und verborgenen Eliten. Van Helsing verknüpfte die Thule-Gesellschaft auch mit der sogenannten Vril-Gesellschaft, einer angeblich okkulten Gruppe, die an übernatürliche Energien geglaubt haben soll. Der Mythos geht so weit, dass behauptet wird, die Thule- und Vril-Gesellschaften hätten sogenannte „Reichsflugscheiben“ entwickelt – fliegende Untertassen im Auftrag der Nazis. Ja, wirklich.

Das klingt so absurd, dass man fast lachen möchte. Aber es gibt Leute, die das glauben. Und zwar nicht wenige.

Dann gibt es noch die hartnäckige Behauptung, es habe innerhalb der Thule-Gesellschaft einen geheimen inneren Zirkel gegeben – den sogenannten Thule-Orden. Dieser innere Kreis soll die wahren Drahtzieher gewesen sein, die eigentliche Macht hinter allem. Auch dafür gibt es null Belege. Nichts. Nada.

Woher kommen dann all diese Mythen? Zum großen Teil ironischerweise von Sebottendorf selbst. In seinem Buch „Bevor Hitler kam“ von 1933 übertrieb er den Einfluss der Thule-Gesellschaft auf die Entstehung der NSDAP massiv. Er stellte sich quasi als den geheimen Architekten des Nationalsozialismus dar. Und obwohl das Buch vom NS-Regime beschlagnahmt wurde, überlebten seine Behauptungen – und wurden von Verschwörungstheoretikern der Nachkriegszeit dankbar aufgegriffen und weiter ausgeschmückt.

Was ich aus der ganzen Recherche mitgenommen hab: Die Wahrheit über die Thule-Gesellschaft ist beunruhigend genug. Man braucht keine satanistischen Rituale und keine Reichsflugscheiben, um zu verstehen, wie gefährlich diese Organisation war. Die realen Verbindungen zur NSDAP, die antisemitische Hetze, der Kampfbund – das alles ist historisch belegt und schlimm genug. Die Verschwörungstheorien lenken im Grunde nur davon ab. Sie machen aus einer realen historischen Bedrohung ein Fantasy-Spektakel und vernebeln damit genau die Lehren, die man eigentlich daraus ziehen sollte.

Und ehrlich gesagt finde ich das fast noch gefährlicher als die Theorien selbst.

Das Erbe der Thule-Gesellschaft – Nachwirkungen bis heute

Man könnte meinen, dass eine Organisation, die sich 1925 aufgelöst hat und 1932 aus dem Vereinsregister gelöscht wurde, irgendwann in der Vergessenheit verschwinden würde. Aber bei der Thule-Gesellschaft ist das Gegenteil passiert. Ihr Name ist heute bekannter denn je – nur eben aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Fangen wir mit dem politischen Erbe an. In der rechtsextremen Szene Deutschlands hat der Name „Thule“ nach 1945 eine erstaunliche Karriere hingelegt. 1980 wurde das sogenannte Thule-Seminar gegründet – eine rechtsextreme Denkfabrik, die sich als intellektueller Arm der „Neuen Rechten“ verstand. Der Name war bewusst gewählt. Er sollte eine Brücke schlagen zwischen der völkischen Tradition der Weimarer Republik und dem modernen Rechtsextremismus. Das Thule-Seminar existiert bis heute und verbreitet unter dem Deckmantel akademischer Arbeit völkisch-nationalistische Ideen.

In den 1990er-Jahren tauchte dann das Thule-Netz auf – eine rechtsextreme Internet-Domain und Kommunikationsplattform. Das war damals, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, eine der ersten organisierten Versuche der rechten Szene, die neue Technologie für Vernetzung und Propaganda zu nutzen. Auch hier: der Name „Thule“ als bewusster Rückgriff auf die Tradition des völkischen Geheimbundes.

Was mich beim Recherchieren echt überrascht hat, ist wie tief die Thule-Symbolik in der sogenannten esoterischen Rechten verwurzelt ist. Autoren wie Wilhelm Landig und der chilenisch-deutsche Diplomat Miguel Serrano entwickelten nach dem Zweiten Weltkrieg einen regelrechten „esoterischen Hitlerismus“. Dabei vermischten sie Reinkarnationslehren, okkulte Vorstellungen und die Verherrlichung des historischen Nationalsozialismus zu einer bizarren ideologischen Suppe. Die Thule-Gesellschaft spielte darin natürlich eine zentrale Rolle – als angeblicher Hort uralten, geheimen Wissens.

Der Rechtsextremismusforscher Andreas Klump hat das mal ziemlich treffend zusammengefasst: In diesen Kreisen werden esoterische Themen mit der Verteidigung des historischen Nationalsozialismus vermischt. Die Thule-Ideologie, Ariosophie und altgermanische Glaubensvorstellungen bilden zusammen einen Rahmen für das völkische Denken, in dessen Tradition verschiedene rechtsextreme Organisationen bis heute stehen. Das ist kein harmloses Hobby. Das ist aktive ideologische Radikalisierung mit historischem Anstrich.

Aber die Thule-Gesellschaft hat nicht nur in der politischen Szene Spuren hinterlassen. Auch in der Popkultur taucht sie erstaunlich oft auf. Im Spielfilm „Hellboy“ aus dem Jahr 2004 ist es die Thule-Gesellschaft, die 1944 versucht, einen Dämon aus einer Parallelwelt zu beschwören, um den Krieg zu gewinnen. Im Horrorfilm „The Nameless“ geht eine fiktive Sekte auf das Gedankengut der Thule-Gesellschaft zurück. Und in Brad Meltzers Roman „Das Buch der Lügen“ wird sie als okkulte Führerschaft beschrieben, die unter dem Deckmantel des Nationalsozialismus die Geheimnisse des Universums erforscht.

Das ist natürlich alles Fiktion. Aber es zeigt, wie sehr die Thule-Gesellschaft die Fantasie von Autoren und Filmemachern beflügelt. Und ich muss ehrlich sagen – ich verstehe warum. Die Mischung aus realem historischem Geheimbund, NS-Verbindungen und okkultem Mythos ist einfach perfektes Storytelling-Material. Das Problem ist nur, dass viele Leute irgendwann den Übergang zwischen Fiktion und Realität nicht mehr erkennen.

Und dann gibt es noch ein Detail, das mich persönlich nicht mehr losgelassen hat, seit ich davon erfahren habe. In München, im Stadtteil Kirchtrudering, gibt es bis heute drei Straßen, die nach Thule-Mitgliedern benannt sind, die 1919 beim sogenannten Geiselmord erschossen wurden. Die Hella-von-Westarp-Straße, die Deikestraße und die Teuchertstraße. Über eine Umbenennung wird zwar diskutiert, aber passiert ist bisher nichts. Das finde ich bezeichnend. Da laufen Leute jeden Tag durch Straßen, die nach Mitgliedern eines antisemitischen Geheimbundes benannt sind – und die meisten wissen es wahrscheinlich nicht mal.

Ich hab am Anfang meiner Recherche gedacht, die Thule-Gesellschaft wäre eine Fußnote der Geschichte. Ein obskurer Geheimbund, der kurz aufflackerte und dann verschwand. Aber je tiefer ich eingetaucht bin, desto klarer wurde mir: Die Nachwirkungen sind überall. In der rechtsextremen Szene, in der Popkultur, in der Verschwörungstheoretiker-Community, sogar in den Straßennamen einer deutschen Großstadt.

Die Thule-Gesellschaft ist seit über hundert Jahren aufgelöst. Aber ihr Schatten ist lang. Viel länger, als ich jemals vermutet hätte.

Fazit

Die Thule-Gesellschaft war kein mystischer Orden mit okkulten Kräften – sie war eine völkisch-antisemitische Kampforganisation, die in einer der chaotischsten Phasen der deutschen Geschichte entstand. Und doch: Ihre personellen Verbindungen zur späteren NSDAP sind unbestreitbar.

Aus ihrem Umfeld gingen Schlüsselfiguren hervor, die Hitlers Aufstieg ermöglichten. Ihr Presseorgan wurde zum Völkischen Beobachter. Und ihr Symbol – das Hakenkreuz – wurde zum Zeichen einer Terrorherrschaft.

Die Wahrheit über die Thule-Gesellschaft ist beunruhigend genug – man braucht keine Verschwörungstheorien, um zu erkennen, wie gefährlich diese Organisation war. Sie zeigt uns, wie sich aus völkischem Gedankengut, Antisemitismus und politischer Radikalisierung eine Bewegung entwickeln kann, die die Welt in den Abgrund reißt.

Was denkst du – war die Thule-Gesellschaft wirklich nur ein politischer Geheimbund? Oder steckt doch mehr dahinter? Schreib es mir in die Kommentare!

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